Leseprobe

Als Leseprobe aus dem Roman „Die Entzauberung der Angst“ hier das Inhaltsverzeichnis und die ersten Seiten des Teil 1:

Inhalt:

Teil 1: Der Mord Seite 7

Teil 2: Erste Ermittlungen Seite 60

Teil 3: Die Klinik Seite 117

Teil 4: Der Informant Seite 168

Teil 5: Probleme im Dies- und Jenseits Seite 221

Teil 6: Allgemeine Entzauberung Seite 272

Teil 7: Epilog Seite 322

Teil 1

Der Mord

Ich sitze im Kontrollraum und alle Werte sind normal. Ich habe vor mir die verschiedenen Monitore und Anzeigelämpchen der Sinnesabbildungen. Es ist ziemlich dunkel, wie bei der Flugsicherung. Gerade habe ich meinen visuellen Schirm in Betrieb. Ich sehe also, und davon wird es natürlich insgesamt ein bisschen heller. Zusätzlich kommt etwas Licht von den vielen Lämpchen auf meinem Armaturenbrett. Ich sitze hoch, d.h. ich sitze auf einem Sessel, der hydraulisch verstellbar ist. Jetzt ist er oben.

Im Moment bin ich klein. Sicher erscheine ich von unten noch kleiner, als ich in Wirklichkeit bin. Die Beine hängen weit über dem Boden, wie bei einem Dreijährigen auf seinem Kinderstuhl. Ich bin angegurtet und kann nicht herunterfallen. Ich bin aber kein Kleinkind. Das täuscht. Ich kontrolliere meinen Körper, wobei es derzeit nicht viel zu kontrollieren gibt. Der Außenschirm zeigt die Zimmerdecke, weil mein Körper ruhig auf dem Rücken im Bett liegt.

Ich kann jederzeit meinen Pilotensessel absenken und im fensterlosen Kontrollraum herumspazieren. Oder mich auf eine Pritsche legen. Oder eine der Türen öffnen.

Ich stelle mich auf Stand-by-Betrieb. Der Seh-Bildschirm dunkelt sich ab und die Geräusche von der Straße werden gedämpft. Dann wähle ich das Kölner Konzert von Keith Jarrett als Hintergrundmusik und fahre ganz langsam stufenlos hinunter. Ich lasse die Töne auf mich wirken, lasse sie bestimmen, durch welche Tür ich gleich gehen werde. Doch das ist sehr unvorsichtig. Denn es zieht mich wieder in den Keller.

Ich gehe also die Stufen hinab und kann kaum etwas sehen. Es riecht feucht, nasser Ziegel, Treppe, kahle Wände, ich fühle die Bedrohung, die von draußen kommt. Ich bin im Bunker. Nach einer Weile höre ich diese Männerstimmen, den Klang einer Pfeife, Fußgetrampel, Schreie. Dann wieder Stille. Lange nichts als Stille. Angst. Ihr kleiner Körper neben mir. Der Herzschlag dröhnt ohrenbetäubend. Ich halte mir den Mund zu. Das Warten auf das Ende.

In der Früh bin ich völlig kaputt. Die Nacht war scheußlich. Nicht genug am Abend der Keller, im Schlafen machte mein Traumego weiter, das war keine Erholung. Ich stelle die Steuerung auf Autopilot. Jetzt gehen Aufstehen, Pinkeln, Gesichtwaschen und Anziehen wie von selbst. Beim Zeitungslesen lasse ich selektiv Fotografieren. Die Überschriften werden überflogen, die wichtigsten Artikel gelesen, Teile davon an den PROFESSOR, der vor allem für die Wissensgebiete zuständig ist, zum Speichern und Verwalten weitergegeben.

Ich gehe heute zu Nuddel. Nuddel, das ist Nutfed Milankovic, der einzige, der von meiner Vergangenheit aus Sarajewo noch übrig ist. Er sagte: „Komm morgen mal vorbei. Du brauchst doch Geld. Vielleicht hab ich ´nen Job für dich.“

Es ist schon ziemlich warm draußen und ich gehe die Landstraßer Hauptstraße hinauf. Jetzt fängt mich SAMUEL an zu nerven. Ich nenne ihn Samuel, weil ich einmal beim Duschen einen Spaß gemacht habe. Ich hatte eine Brille auf meinen Penis gesetzt, der jetzt die Nase oder der Rüssel oder was immer war. Seine Vielseitigkeit regt natürlich die Phantasie an und mit dem Finger ließ ich ihn beim Sprechen synchron wackeln. „Hallo, liebe Freunde, mein Name ist Samuel“, sagte ich mit versuchtem Pimmeltenor und eben so weiter. Blödsinn halt. Aber seitdem nenne ich ihn Samuel, meistens eine Stimme aus dem Off, kommt ungefragt vor allem in Tagen längerer sexueller Abstinenz und macht mir das Leben schwer.

„Verschwinde!”, sage ich zu ihm, aber er flüstert mir geile Sachen ins Ohr. Das wiederum kann CHARLOTTE überhaupt nicht vertragen. Sie versucht ihn zu verdrängen, weiß ja genau, was kommen wird, beschimpft ihn als Frauenverächter, aber ihre Stimme wird leiser und leiser.

Jetzt hat er bereits die Körpersteuerung übernommen. Kein Busen mehr, der meinen Blick nicht magnetisch anzieht, der nicht meinen Kopf drehen lässt, kein Hintern, der mich nicht begierig macht, das dazugehörige Gesicht zu sehen.

Der Weg wird mühsam, ich komme mir vor wie der heilige Augustinus und halte den Anfechtungen kaum stand. Eine Frau erscheint mir begehrenswerter als die andere. Mein Testosteronspiegel wird ordentlich hoch sein. Ich muss mich ablenken. Der Versuch mit der Konzentration auf meinen linken Fuß, dann rechten Fuß, funktioniert nicht. Ich gehe zu Mehmet am Rochus-Markt und hole mir einen Döner. Das Gespräch mit ihm lenkt ab. Ich steuere mich weiter zum Kardinal-Nagel-Platz, wo Nuddel seine Wohnung hat und lasse meinen Finger auf die Klingel drücken.

Ich mache mit dem Kopf fast eine Volldrehung, eher so wie ein Uhu, bemerke aber seitlich und hinter mir nichts Auffälliges, auch nichts an der unscharfen Sichtfeldperipherie. Es sieht so aus, als wären keine Kiberer in der Nähe. So heißen sie hier, die Polizisten in Wien. Und Nuddel ist für die kein Guter.

Die Gegensprechanlage summt. Ich drücke die Tür auf. Meine Nase registriert das modrige Gemäuer eines herabgekommen Zinshauses. Hier wurde schon seit mehreren Generationen nichts investiert, jetzt reicht es nur noch für Ausländer, die gelernt haben zu frieren und denen das Klo auf dem Gang sowieso nicht fremd ist. Nuddel wohnt auf Stiege III.

Von weit weg kommen die abgelenkten Schallwellen eines schreienden Kleinkindes in meine Gehörgänge. Es riecht nach Kohl. Ich lasse die Schritte keine Geräusche machen, weil mir Nuddels Umgebung unheimlich ist, und bin schon auf dem Treppenabsatz, von dem aus ich seine Wohnungstür sehen kann.

Die einzige, mit der ich im Abendgymnasium richtig Kontakt habe, ist Lea. Wahrscheinlich, weil ihr Opa in Auschwitz war. Außer ihm ist kein einziger seiner Familie übrig geblieben. Jetzt ist er 86. Obwohl ja nicht Lea sondern ihr Großvater diese schrecklichen Dinge erlebt hat, fühle ich mich irgendwie mit ihr verbunden. Denn sie hat eine Ahnung davon, was ganz normale Menschen imstande sind zu tun. Sie kann mich am ehesten verstehen. Ich habe einmal Andeutungen in diese Richtung gemacht und ich glaube, dass etwas in ihren Augen war, was den Schrecken im Keller kennt.

Ich weiß nicht, wer mir da Lea eingespielt hat, auf alle Fälle sind plötzlich diese gespeicherten Gedanken an sie und verschwommen auch ihr Bild, mal scharf, mal unscharf, mal das Gesicht in Ruhe, dann das Gesicht mit hochgezogenen Mundwinkeln – das muss ein Lächeln sein. Auf dem Außenmonitor aber ist ein Mann zu sehen, der aus Nuddels geöffneter Tür tritt und sich mit einem dünnen Lächeln ein Päckchen in die Hosentasche seines schlabberigen Jogginganzuges steckt.

„Einen schönen Tag auch!“, sagt er im Vorbeigehen zu mir und meine Geruchsensoren nehmen den merkwürdigen Geruch wahr, der an seinen Kleidungsstücken haftet. Industrie, Bergbau? Der Assoziationsmonitor spielt mir das Bild eines gotischen Radfensters vom Stephansdom ein, von dem unsere Geschichtslehrerin erzählte. Merkwürdig.

„Was war das für ein Typ?“, frage ich Nuddel, der in der Küche steht und an der Kaffeemaschine rummacht. Dazu habe ich aus dem Stimmenmodus „fest und männlich“ ausgewählt.

„Du hast ihn nicht gesehen, Mirko.“

„Was war das für ein Päckchen?“

„Du hast es nicht gesehen, Mirko. Willst du einen Kaffee?“

„Wann hörst du endlich auf mit diesem Zeugs! Irgendeiner legt dich mal um, wenn du mit dem kriminellen Kram nicht langsam aufhörst.“

Nuddel dreht den Kopf zu mir, macht das in Slow Motion.

„Was redest du da für’n Scheiß? Willst du mich voll labern oder Kohle verdienen?“

Er erklärt mir, was ich machen soll. Ich hätte es mir denken können. Er will mir sein Zeugs zum Verdealen geben. Ich habe ihm schon früher mehrmals erklärt, dass ich die Dealerei mies finde und dass ich mich von ihm nicht in diesen Dreck hineinziehen lasse. Er hat immer gelacht: „Was für einen blöden Psycholuxus willst du dir da leisten?“

Ich hasse Drogen. Nicht, dass ich sie nicht kenne. Aber für mich ist das nichts. Sie vernebeln mein Kontrollzentrum, sie manipulieren meinen Außenbildschirm, spielen falsche Daten ein, bringen die Auswertungen durcheinander, ich werde handlungsunfähig.

Andererseits will ich nicht in der Markthalle Gemüseverkäufer werden mit Spezialgebiet auf Balkan-Importe. Ich hole meine Matura nach, dauert übrigens nicht mehr lange, und will dann studieren.

„Immerhin kannst du damit deine Schule finanzieren, Klugscheißer-Mirko.“

Das ist mein wunder Punkt, da hat er nicht unrecht. Und dass ein verwöhntes Österreicher-Kid das natürlich nicht nötig hat, macht meine Position auch nicht besser.

„Aber nur Stoff. Shit oder Gras.“, sage ich.

Wären wir in Amsterdam wäre das fast legal.

Ein Ort in Wien, den ich ganz besonders liebe, ist die Stadtbücherei Erdberg. Das habe ich von Onkel Senad. Die Liebe zu Büchern. Er hat mir viel beigebracht. Als mein Vater in Deutschland am Bau das Geld für die Familie verdienen musste, weil es in Bosnien einfach keine Arbeit gab, war Onkel Senad für uns die Rettung. Er erzählte nicht nur tolle Geschichten, er hat auch viel gewusst. Er ist Lehrer im Gymnasium gewesen und mit einer Moslemin, Tante Anisa, verheiratet, während er selbst und natürlich auch sein Bruder, mein Vater, katholisch waren. Sein großes Thema war die Toleranz, und Toleranz kann man nur mit Bildung erreichen, meinte er, also wollte er uns Bildung beibringen.

Natürlich hat im Grunde ein Bosnier mit einem Kilo-Brocken Haschisch in seiner Tasche nichts in der Stadtbücherei verloren, aber ich brauche die Entspannung. Der Weg von Nuddel zum Beginn der Erdbergstraße dauert nur sieben Minuten. Ich trete ein und bin in der Bücherwelt des 3. Bezirks. Österreichische Bibliothekare und sonst vor allem türkische, bosnische und serbische Jugendliche. Österreicher sind hier in der Minderheit. Man kennt mich bereits und gibt mir meine vorbestellten Bücher, die inzwischen aus der Hauptbibliothek angekommen ist. Ich setze mich in eine Ecke und beginne, darin zu blättern. Was ich finden will sind Antworten zu der Beschaffenheit der UNENDLICHKEIT. Darauf hat mich unser Mathematiklehrer gebracht. Ich nehme mir dann noch zum Hier-Lesen Mark Aurels „Selbstbetrachtungen“ aus dem Regal und drossele meine Sinneswahrnehmungen. Dann lasse ich den Buchstaben-Input zusammen mit einer eigenen Software einen 3-D-Film kreieren. Woher hat er das Obst in der Tonschale? Ich sehe auf meinem Bildschirm Marc Aurel in einem kargen kalten Raum aus Stein, wie er im Licht von Kerzen für sich alleine nachdenkt und „Das Göttliche ist in Allem und in Allen“ murmelt.

Also wenigstens schon einmal kein personifizierter Allmächtiger, denke ich.

Es zieht. Besonders gemütlich hat er es sich als Kaiser von Rom nicht gemacht. Er schreibt, was er vielleicht schon hundertmal geschrieben hat: Alle Menschen sind gleich. Die Vernunft soll einziger Maßstab Ihres Handelns sein.

Ich blättere in seinen Schriften und verliere mich ein wenig.

Jetzt bin ich schon ruhiger. Der unpersönliche Weitblick dieses Mannes hat etwas Kontemplatives. Bei ihm gibt es weder einen „Lieben Gott“ oder einen „Jehova“ noch einen „Allah“. Er war schon weiter als die serbisch-orthodoxen Fundamentalisten, als die radikalen puritanischen Bush-Wähler in den Vereinigten Staaten und die islamischen Fanatiker der arabischen Welt. Einen Kant-Vorläufer hat Onkel Senad ihn genannt. Kaum ist dieser Gedanke vorbei geflogen, erscheint mit dem Anschlag einer Klaviertaste auf einem der Bildschirme ein blauer, wolkenloser Himmel. In ihm beginnt das Antlitz des großen Philosophen aus Königsberg hervorzuleuchten, ein Männerchor singt Beethovens 9. Symphonie. Ich weiß nicht, wer da bei mir wieder übertrieben hat, aber es war wohl humorvoll gedacht.

Ich bin entspannt, normaler Ruhepuls, die Atmung ist ruhig und gleichmäßig. Ich wende mich wieder der Außenbildschirm und -akustik zu und stelle das Buch zurück in das Regal. Ein Lichtsignal signalisiert mir Hunger. Ich gebe das Ziel: „Billa“ in mein Navigationssystem ein und verfertige parallel zum Autopilot-Gehen eine Einkaufsliste.

Um 15 Uhr muss ich heute bei der Arbeit sein. Flexible Arbeitszeit. Insgesamt etwa 40 Stunden Knochenarbeit in einem Sportgerätegroßhandel im 22. Bezirk. Schwere Kisten mit den Muckimaschinen für die Ostler-Lkws zum Eingangstor schleppen. 400 Euro gibt es dafür im Monat. Sie dürften normal nicht so wenig bezahlen, die Österreicher haben ja eine Gewerkschaft, aber sie haben mich für 20 Stunden eingestellt und mir gesagt, dass ich wieder gehen kann, wenn mir die Arbeit mit 40 Stunden nicht passt, gäbe genug andere. Da muss man nur zur Stadthalle um zu sehen, dass sie recht haben. Die Wohnung macht 300 Euro im Monat, bleiben 100 zum Leben, kaum zu machen, aber ich habe jetzt ja noch meinen Nebenjob, der wesentlich mehr bringen wird. Mit dem kann ich sogar fürs Studium sparen.

Die Arbeit ist heute so stumpfsinnig wie immer. Schönbichler gibt mir eine Liste in die Hand, auf der notiert ist, welche Geräte nach vorne sollen. Dann hole ich sie aus einem der Regale in der 3000 Quadratmeter großen Halle und bringe sie zum Rolltor. Währendessen bereite ich mich auf die Schulstunden am Abend vor. Mathe trigonometrische Vermessungsaufgaben, das geht rasch, Geographie die Ökonomie Japans, insbesondere die japanische Automobilindustrie, das ist eher Auswendiglernen. Beim Nachhausefahren in der U1 stelle ich fest, dass ich alles im Griff habe. Im Unterricht schreiben wir einen Mathetest, den ich auch für meine Nachbarn mit erledige, in Geo habe ich den Durchblick.

Am Abend mache ich meine erste Dealertour in den Studentenkneipen im 9. Bezirk, wobei ich darauf achten muss, dass sie nicht so vollbesetzt sind. Das vertrage ich nämlich nicht so gut.

Im „Oblomov“ treffe ich Erwin aus meiner Klasse. Er ist ein Tischler aus Mattersburg und hat sich in den Kopf gesetzt, Psychologe zu werden. Dazu will er erstmal die Matura nachholen. Wird er auch schaffen. Ich setzte mich zu ihm und bestelle ein Bier. Er klagt über Kopfweh.

„Ist das schon die Meningitis?“, frage ich. Schon seit Monaten nerven die Zeitungen, Radios und Fernsehsender mit den resistenten Meningokokkenstämmen aus Moldawien.

„Sehr witzig“, meint er. Er verzieht sein Gesicht so, dass ich nicht unterscheiden kann, ob er böse auf mich ist oder scherzt. Egal. Ich versuche ihm, fünf Gramm anzudrehen.

„Prima gegen Kopfweh. Ist weg wie im Fluge“, sage ich, „Außerdem brauchst du diese Erfahrung für deinen Job. Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Es wird mein erster Deal.

„Pass auf, Mirko“, sagt er dann, „Wenn sie dich erwischen, kriegst du mächtig Ärger. Wär’ doch schade so knapp vor der Prüfung.“

Das ist gemein, denn seine Bemerkung macht mich nervös.

Ab jetzt hält eine Kamera Dauereinstellung auf den Eingang. Ich bin beunruhigt. Ich wickele tatsächlich noch zwei kleine Deals ab und nähere mich der Bar. Der WARNER redet zu mir: „Aufpassen, Mirko. Gefahr!“

Ich sitze am Kontrollschirm und nicke. Ich bin ein bisschen angespannt und rutsche unruhig auf meinem Sessel hin und her. Die Regie spielt Bohren und der Club of Gore ein. Ich trete langsam vor die Tür und mache einen Test auf Verfolgungswahn. Ich steuere mich zwei langsame Schritte weiter auf die Straße. Jetzt lasse ich eine Kopfdrehung folgen, da lösen sich gegenüber drei Schatten aus einem Hauseingang.

„Lauf“, sagt der WARNER.

Ich renne los, sozusagen auf Verdacht. Aber keiner folgt mir. Doch wohl überreagiert.

Ich gehe zur U2 und habe Glück, denn es fährt gerade eine Garnitur in die Station. Mit Umsteigen am Stephansplatz in die U3 bin ich 15 Minuten später in meiner Höhle in der Sechskrügelgasse.

Meine Mutter hat immer gesagt: Im Bunker sind wir sicher. Und mit Bunker hat sie unseren Keller gemeint. Unser Keller war natürlich alles andere als ein echter Bunker. Er war der Keller eines alten Hauses, geeignet für Speicherraum, Eingemachtes, Vaters Fahrradreparatur-Werkzeug, eine alte Anrichte, eine alte Waschküche. Aber in der Zeit, wo man mit Artillerieangriffen und später mit Suchtrupps rechnen musste, bot er Zuflucht, und je sicherer meine Mutter ihn redete, desto weniger ängstlich waren wir, wenn wir auf die Geräusche über uns lauschten. Oft war auch Onkel Senad bei uns unten. Das war dann wunderbar, weil er meiner Schwester Risa und mir derart spannende Geschichten erzählen konnte, dass uns die Zeit wie im Fluge verging.

Man könnte meinen, die schlimmste Tür, durch die ich gehen könnte, sei die Tür in den Bunker.

Und doch gibt es eine noch schlimmere Tür, von der ich zwar weiß, wo sie ist, aber auch nur in ihre Nähe zu geraten versetzt mich bereits in Panik. Ich kenne sie schon zu Zeiten, als meine Familie noch zusammen war, bevor mein Vater nach Deutschland fuhr, als eigentlich alles ziemlich in Ordnung schien. Nachts, vor meinen Träumen, ging ich in mir herum und erkundete die verschiedensten Straßen und Wege. Ich kam in ein verfallenes Gebäude und ging durch einen dunklen Gang, an dessen Ende sich eine verschlossene, schwarze Tür befand. Anstatt umzukehren öffnete ich sie. Die Inschrift der ersten Tür, denn es stellte sich heraus, dass gleich hinter ihr eine zweite das Weiterkommen verhinderte, konnte ich damals genauso wenig wie die Inschrift der nächsten lesen: „Zur Unendlichkeit“. Auf der zweiten Tür stand in Großbuchstaben: „DAS NICHTS“. Ihre Oberfläche war ein Relief, ein lebendiges Relief. Es bewegte sich ständig, als bestünde es aus Millionen Ameisen oder Maden. Schaute man einen Ausschnitt genauer an, so vergrößerte er sich von selbst. Ich sah sterbende und leidende Menschen, dem Höllentor von Rodin ähnlich, nur viel, viel mehr, sah Jahrhunderte alte Kriege, sah Menschen Menschen abschlachten mit Schwertern in mediterraner Landschaft, sah Ertrinkende in einem Sturm auf offenem Meer, Pestkranke röchelnd sterben, schreiende, angstverzerrte Gesichter, Menschen in ihren Betten verlöschen, Soldaten in Schützengräben verbluten und Familien eingezwängt in engen verkachelten Räumen an Gas ersticken.

Ich ging durch die Tür hindurch und wurde wie leer gesaugt. Die Sinne verließen mich nacheinander, bis nur noch ein Kern von mir blieb. Alles war jetzt schwarz, lautlos, und die Ahnung meiner Auslöschung drohte mich verrückt zu machen.

Zwei oder dreimal hatte ich die Kraft, die Türen zu öffnen, jetzt fürchte ich sie, denn sie führen zum Ende des ICHs, aber ich wünschte, ich könnte sie eines Tages ohne Angst durchschreiten.

Die Ereignisse des Abends beschäftigen mich zu Hause noch eine geraume Zeit. Die Sache mit meinem neuen Zuverdienst ist Grund genug für eine Gruppensitzung. Ich lege mich auf mein Bett und schließe die Augen. Als Sitzungsort wähle ich einen großen, hellen Raum mit einem ovalen Tisch in der Mitte. Als ersten begrüße ich ONKEL SENAD: „Hallo Untoter!“ ONKEL SENAD lächelt. Er setzt sich an den Tisch und schiebt sich einen der leckeren virtuellen Kekse, die ich für unser Treffen vorbereitet habe, in den Mund.

„Blöde Sache, Mirko, da müssen wir was tun!“, sagt er zu mir. Hinter ihm öffnet sich die Tür und der WARNER kommt herein. Leise, mit besorgter Miene setzt er sich bescheiden neben ONKEL SENAD und schaut scheinbar geistesabwesend vor sich hin. Dann gesellt sich auch SAMUEL zu uns. Er kommt in Gestalt von Sailor (Nicolas Cage, „Wild at heart“), gekleidet mit einer Schlangenlederjacke, „… ein Symbol meiner Individualität und meines Glaubens an die persönliche Freiheit“, wie er uns mitteilt. Lässig setzt er sich neben den WARNER und streckt seine Füße in den Cowboystiefeln unter den Tisch.

Als ich daran denke, dass es nun Zeit ist, die Sitzung zu eröffnen, tritt der PROFESSOR ein. Verwalter meines Wissens, selbstverliebter Redner und nebenbei auch Verfasser der bisher unveröffentlichten Abhandlung über „Die Kunst des Inneren Monologs“, die irgendwo in unseren Archiven schlummert.

Er wendet sich zu mir und sagt: „Du kannst wegen Befangenheit den Vorsitz nicht übernehmen.“

Also eröffnet er die Versammlung und bringt die Sache sofort auf den Punkt. Thema sei, ob und wie ich aus der Dealerei und dem Verhältnis zu Nuddel aussteige. Der WARNER spricht zuerst. Er sagt mir voraus, dass, sollte ich mich nicht sofort mehr oder weniger unsichtbar machen und sollte ich nicht sofort den Kontakt zu Nuddel abbrechen, ich in großer Gefahr schwebe.

Dann kommt SAMUEL. Sein lässiger Beitrag beschränkt sich darauf, mir nahe zu legen, mich so schnell wie möglich mit Lea zu treffen. Er grinst dabei anzüglich. Zuletzt ONKEL SENAD:

„Ich verstehe dich gut, Mirko. Du willst Matura machen, um zu studieren. Du willst dich hocharbeiten. Aber Kriminalität ist durch nichts zu rechtfertigen.“

Die Versammlung beginnt mir peinlich zu werden. Ich versuche darauf hinzuweisen, dass ich in meinen Entscheidungen ja nicht frei sei. Sie sollten mal bedenken, wo ich herkäme. Kriegsgebiet und so. Mindestens Halbwaise. Wenn nicht gar Vollwaise. Traumatisiert. Mittellos. Migrant. Schlechte Einflüsse. Das klassische Schulbeispiel für eine Laufbahn im Drogenmilieu.

„Es gibt ihn nicht, den freien Willen. Lest das doch beim Neurophysiologen Singer nach.“

Ich komme in Fahrt:

„Gegen den Laplace´schen Dämon hat keiner eine Chance. Es ist alles determiniert! Am Dealen geht für mich kein Weg vorbei!“, rufe ich aus, doch meine Zuhörer stehen bereits und stören mit Zwischenrufen, ein regelrechter Tumult ist ausgebrochen.

Ich höre SAMUELS Stimme: „Weichei!“

Der PROFESSOR brüllt: „So ein Unsinn!“

ONKEL SENAD verschafft sich Gehör und ruft:

„Dann wäre hier jede Diskussion sinnlos. Wenn alles vorbestimmt ist, dann können wir ja gleich gehen!“

„Und ändere bitte gefälligst deine Gestalt“, ätzt der PROFESSOR.

Ich schaue an mir herunter. Meine Beinchen reichen nicht bis zum Boden, ich weiß nicht genau, was er meint.

Dann verstehe ich ihn. Kinder sind nicht verantwortlich zu machen. Ich fühle mich ertappt und lasse mich gekränkt größer werden.

Der PROFESSOR bittet um Abstimmung. Ein eindeutiges Ergebnis. Vier Stimmen für sofortigen Abbruch der Beziehung zu Nuddel. Auch SAMUEL hat sich für ONKEL SENAD’s Argumentation entschieden, ich habe mich enthalten.

Der Raum ist leer, ich bin wieder alleine. Entschluss ist Entschluss.

Wenn Lea will, ist sie sehr schön. Wenn sie sich schminkt, haut es einen um. Wenn sie sich nicht schminkt, schaut ihr der Schalk aus den Augen und man könnte sie für 14 halten. Ihre Mutter ist Sekretärin, einen Vater hat sie nie gehabt, der war schon kurz nach ihrer Geburt verschwunden. Leas Mutter hat nie von ihm geredet. Außer, dass er irgendwo in Israel lebt. Kein Schweigen voller Bitterkeit, das Thema hat sie einfach nicht interessiert. Sie wollte das Kind, also Lea, der Erzeuger wurde ihr gleichgültig. Lea wuchs bei ihr und ihrem Opa, dem Vater ihrer Mutter auf. In Wien. Der Großvater wartet auf Wiedergutmachungszahlungen. Immer noch. Aus Prinzip. Aber da kann er in Österreich lange warten. Bis zu seinem Tod kann er warten und dann muss er sich immer noch auf eine lange Wartezeit einstellen. Das weiß er natürlich, aber er ist ein Dickkopf. Sein Vater hatte im neunten Wiener Bezirk eine Medikamentenfabrik mit Forschungsabteilung, Labors und achtzig Mitarbeitern. Das alles wurde arisiert und auch diese Geschichte ist noch nicht vorbei.

Lea hat es mir einmal angedeutet, jetzt scheint sie Opas Sache zu ihrer Lebensaufgabe gemacht zu haben, denn sie will Jura studieren und die Rechte ihrer Familie durchkämpfen.

Vorher, mit 17, wollte sie zum Film. Sie hat die Schule abgebrochen und sich durch die ganze Wiener Filmschickeria gepoppt, bis ihr diese Typen zum Hals heraus hingen. Jetzt macht sie mit mir im Abendgymnasium die Matura nach. Und noch etwas: Lea ist Mystikerin. Jedenfalls meistens. So wie Vegetarier, die ab und zu Hühnchen essen. Das hat sie von ihrer Mutter. Sie ist Kabbalistin, rechnet dauernd mit Zahlen, Geburtsdaten und so weiter herum und kommt zu den erstaunlichsten Resultaten. Ich z.B. sei hellsichtig, behauptet sie. Ich wäre es mir nur selbst nicht bewusst. Ich widerspreche ihr dabei nie, dazu habe ich sie zu gern.

Ich bin müde und will schlafen. Ich liege im Bett und werde von SAMUEL gestört. Er lässt erotische Bildergeschichten über den Bildschirm flackern, in denen er Frauen, die ich im Laufe des Tages gesehen habe, mir zulächeln lässt. Da kann ich noch so müde sein, bei so etwas kann ich nicht schlafen. Ich kämpfe dagegen mit autogenem Training an. Irgendwann einmal schlafe ich dabei ein.

Lea hat mich gebeten, heute nach der Arbeit mit ihr zu einer komischen Anti-Globalisierungs-Untergruppe zu gehen. Komisch, weil sie so ultra geheim tun und scheinbar spezialisiert sind. Lea hat die Adresse von einem Studenten aus der soziologischen Fakultät gekriegt.

Eine nette, gepflegte Dame mit etwas altmodisch hoher Haarfrisur öffnet die Tür. Sie scheint irritiert, fragt nach Leas Namen und sagt dann, dass sie glaube, es liege eine Verwechslung vor.

Wieder zurück meint unser Adressengeber, dass die Anschrift garantiert stimme. Wahrscheinlich würde da irgendetwas überprüft werden.

Also stehen wir am nächsten Tag erneut vor der selben Tür. Und tatsächlich gibt sich auch die gleiche Frau jetzt sehr hilfsbereit und nennt uns eine Anschrift im 12. Bezirk, eine alte Hinterhof-Fabrik in der Nähe der U-Bahnstation Meidling. Lea solle unten im Erdgeschoss klingeln und lediglich ihren Namen nennen, wir seien angemeldet.

Ab nun überwindet der Name Weinstein alle Hindernisse und wir sitzen schlussendlich in einer Loft, einem Klinkergebäude mit einer Raumhöhe von über vier Meter, innenarchitektonisch aufwendig gestylt, eine Art Geheimquartier von Antiglobalistenfreaks. Nur hätte ich mir nicht vorgestellt, dass unter denen jemand ist, der so viel Geld hat. Horri, wie die Dame von circa 28 Jahren sich nennt, schaut aus wie eine Hexe mit schwarzen, abstehenden Haaren und ist offenbar sehr schnell auf Lea abgefahren. Jedenfalls hat sie für mich kein Auge, bemüht sich aber keinen Moment auszulassen, ihre tief in die von Lea einzutauchen.

Lea freut sich und wir erfahren immerhin, dass wir auch hier falsch sind. Denn das, was wir suchen, sind eher historische Recherchen und das, was die freundlichen Leute in der Fabrik betreiben, ist Ermittlungsarbeit bezüglich strafrechtlicher Delikte im Zusammenhang mit internationalen Großkonzernen. Wir erfahren nebenbei, dass es offenbar Konflikte gibt, in denen sich Multis so bedroht fühlen, dass sie zu kriminellen Mitteln greifen und dass die anschließenden strafrechtlichen Verfolgungen in der Regel äußerst schnell beendet würden. Derartiges war mir nicht fremd, mir wird nun aber doch etwas mulmig. Mit anderen Worten: falls Lea ihre Aktivitäten zur Wahrung der materiellen Interessen ihrer Familie an die große Glocke hänge, sei das nicht ungefährlich. Im Übrigen gäbe es da sehr wohl jemanden, der, was nationalsozialistischen Raub an jüdischem Eigentum im österreichischen Industriebereich anbelange, Bescheid wüsste. Ein inzwischen schon sehr betagter Herr, der in Frankfurt wohne. Da müsse man sich aber schon ganz schön beeilen, denn lange lebe der ganz gewiss nicht mehr. Sie schreibt etwas auf einen Zettel und reicht ihn Lea, bittet dann, sowohl über dessen, als auch über ihre eigene Anschrift Stillschweigen zu bewahren. Lea bittet ihrerseits Horri, mich und sie bei dem Historiker anzumelden, wir hätten vor, ihn am kommenden Wochenende in Frankfurt zu besuchen. Auf ihren fragenden Blick hin nicke ich lässig zustimmend, worauf sich ein tumultartiger Disput zwischen SAMUEL und dem WARNER entwickelt. Während im Außenbildschirm Horri sich weiter mit Lea über Dinge unterhält, die ich nicht mehr ganz mitkriege, versucht der WARNER mich mit erhobener Stimme darauf aufmerksam zu machen, dass ich bekloppt sei:

„Kommst du aus der einen Scheiße raus, rennst du in die nächste!“

„Du paranoider Sack!“, mischt sich SAMUEL ein, „weißt du eigentlich, was das bedeutet: Frankfurt heißt acht Stunden Hinfahrt und acht Stunden Rückfahrt mit Lea. Einmalig!“

Das geht jetzt eine Weile hin und her.

Als ich mich wieder auf den Außenbildschirm konzentrieren kann, sitze ich schon eine ganze Weile in Leas altem Citroen und sie fragt mich schon das zweite Mal, wo sie mich rauslassen soll.

Ich bin erschöpft und sie setzt mich in der Nähe meines Fitness-Centers am Rennweg ab.

Die Nutzen des Krafttrainings liegen auf der Hand: Verhinderung des Abbaus der Muskelkraft (der PROFESSOR: Ein Erwachsener, der kein Krafttraining betreibt, verliert innerhalb von zehn Jahren zwischen fünf und sieben Pfund an Muskelmasse {Fobes 1976 / Evans und Rosenberg 1992!}), Vorbeugung gegen Rückenschmerzen, Erhöhung der Knochendichte, Verbesserung des Stoffwechsels, usw.

Das interessiert aber die meisten nicht. Sie wollen vor allem gut aussehen, muskulöser werden, mit einem Sixpack imponieren. Aber auch das ist nicht mein Ding. Ich will mich reinigen von zu viel Schrottgedanken. Ich bin eher Flagellant, will nichts mehr von SAMUEL hören, will in mir spazieren gehen.

Jetzt kommt die große Stunde des ZÄHLERS. Auf der Laufmaschine wärmt er erst einmal meinen Körper auf. Eins, zwei, drei, vier, er zählt leidenschaftlich gerne, das Gerät rattert, die Schritte platschen auf das Band, der ZÄHLER schaltet hoch, ich bin derweil in Sarajewo und spiele vor unserem Haus mit Risa. Alles ist noch gut. Die Nachbarkinder holen uns. Sie wollen uns irgendetwas zeigen. Dass es Moslemkinder sind, ist mir damals überhaupt nicht bewusst. Es ist völlig unwichtig. Wir spielen und die Zeit vergeht. Der ZÄHLER schaltet runter. Ich laufe aus und dann geht es zur Bankdrückanlage. Erst Hanteln, dann Zugturm, dann Beincurler. Immer im Vordergrund der ZÄHLER, Eins, zwei, eins, zwei, eins, zwei.

Nach dem Duschen fühle ich mich wie neu geboren. Ich muss nicht weit gehen und bin in meiner Höhle.

Diese Momente sind rar und angenehm. Der Köper ist wohlig erschöpft, SAMUEL hält die Klappe, ich bin entspannt und gehe zum Kühlschrank, um mir ein Bier zu holen. Zeit die Kalendersprüche abzureisen:

„Heimat ist ein Ort, an dem noch niemand gewesen ist“, Ernst Bloch.

Irgendwie nicht schlecht, der Satz. Wird wohl für ziemlich viele zutreffen. Für mich auf alle Fälle. Eigentlich eh für alle. Denn die, die glauben zu wissen, was Heimat ist und sich denken, sie seien schon dort, sind oft die Schlimmsten. Die wollen dann niemanden hereinlassen in das, was sie Heimat nennen. Das kann ja dann schon gar nicht mehr so etwas Gutes sein.

Kalendersprüche sind eine Leidenschaft von mir. Ohne einen täglichen Kalenderspruch kann ich nicht leben. Ich gebe den Satz von Bloch an den PROFESSOR weiter zum Speichern.

Als ich im Bett liege mache ich einen kleinen Rundgang. Ich gehe ins Labor und schaue mir die bio-chemischen Parameter an. Alles köchelt, brodelt, Maschinen surren, Displays blinken. Die Hormonanalyse hat sich leicht verändert, die Blutwerte sind ziemlich gleich geblieben, Blutdruck, Puls ok, Muskeltonus verändert, aber komplett normal, Zellteilungen wie sie sein sollen, summa summarum lässt sich feststellen, dass sich die Körperparameter, die mich in meinen Eigenschaften bestimmen, nur unmerklich geändert haben. Vor vier Jahren aber waren sie sehr verschieden gewesen, mein ICH war damals ein anderes wie heute, obwohl ich mich noch gut an meine Gedanken erinnere. Auch in zehn Jahren werde ich ein Anderer sein und bei gleichen Situationen vielleicht sogar anders entscheiden. Ich werde erfahrener sein, aber von der Hirnleistung langsamer, weniger kreativ. Keine Ahnung. Ich bin fließend, keine Konstante. Aber irgendwo in mir gibt es eine Software, die das nicht wahrhaben will. Eine Art Zeit-Identitätsstifter. Der behauptet: Ich bin schon immer das Ich gewesen, das ich jetzt bin.

Es ist Freitagnachmittag und wir sitzen in Leas Citroen. Wir fahren nach Frankfurt. Das Abendgymnasium am Abend schwänzen wir. Wie immer fährt Lea, einen anderen lässt sie nicht ans Steuer. Der Indianer kennt keinen Schmerz, Lea keine Müdigkeit. Sie erklärt mir, warum es bereits dieses Wochenende sein musste. Schon am Montag hatte sie nämlich die Zahl einundzwanzig für die Zukunfts-Vorhersage ihrer kommenden Tage ausgerechnet. Sie erklärt mir, wir sind ungefähr bei Linz, dass die einundzwanzig sicheren Erfolg bringt, eine Zeit, günstig um Pläne auszuführen und Reisen zu unternehmen. Der PROFESSOR kriegt einen Lachanfall, ich bin froh, dass sie das nicht hören kann.

„Wie kommt man darauf?“, frage ich höflich.

„Ich nehme den Monat meines Geburtstags, der hat einen bestimmten Wert, bei mir 37, das weiß man aus der Magi-Tabelle, nicht MAGIE, sondern Magi. Ohne „e“ hinten. Davon ziehe ich den Tag meines Geburtstages ab…………“

Ich bin zugegebener Maßen nicht bei der Sache und habe mich frühzeitig akustisch ausgeklinkt. Stattdessen kann ich in Ruhe Lea anschauen, die voll auf die Autobahn und die Erklärung der Zukunftsberechnung konzentriert ist. Als ich bei ihrem Busen angekommen bin und sich bei mir in der Lendengegend etwas tut, werde ich von CHARLOTTE zurechtgewiesen:

„Du sollst Frauen nicht nach der Form ihres Busens beurteilen sondern nach ihren Qualitäten!“

Sie ist inzwischen in den Cockpit-Raum eingetreten und schaut etwas streng zu mir hoch. Wir sind allerdings nicht alleine, denn in der Ecke des Raumes sitzt SAMUEL und lächelt.

Hier muss ich einwerfen, dass ich CHARLOTTE eigentlich gut leiden mag. Sie hat viel von meiner Mutter und im Großen und Ganzen sicherlich Recht. Es ist unzweifelhaft ihrem Einfluss zu verdanken, dass ich kein Macho bin und die entsprechenden Typen verachte, auch dass ich Frauen den gleichen Respekt gegenüber bezeuge wie Männer, ist für mich nicht zuletzt Dank CHARLOTTE selbstverständlich. Mit anderen Worten: CHARLOTTE war und ist echt bewusstseinserweiternd für mich. Aber wenn sie sich mit SAMUEL in die Haare kriegt bin ich hilflos.

„Liebe Frau Charlotte“, spricht SAMUEL mit ironisch vertellter Stimme. „Wollen Sie leugnen, dass die Rundungen von Frau Lea Weinstein in einem männlichen Wesen starke Empfindungen auslösen können?“

Ich muss SAMUEL einfach zustimmen. Was soll ich machen?

„Was redest du so blöde herum“, antwortet CHARLOTTE ihm böse, „Sag doch gleich in deiner gewöhnlichen Sprach, dass sie super Titten hat. Du primitiver unkultivierter Mensch. Spürst du nicht, dass da eine außergewöhnliche, intelligente und selbstbewusste Frau sitzt, dass du froh sein kannst, sie zu kennen?“

Irgendwie hat da CHARLOTTE auch Recht. Jetzt wird der Disput der Beiden immer heftiger, während Lea weiterhin über ihre Berechnungen redet. Wir sind kurz vor Regensburg. Die Stimme des ZÄHLERS kommt aus dem Off dazu. Er zählt alle schwarzen Pkws, die uns seit Passau entgegenkommen. 143, 144,……

„Hörst du mir eigentlich noch zu?“, fragt Lea.

„Ja natürlich!“, antworte ich. CHARLOTTE und SAMUEL verlassen unterdessen den Raum.

In Frankfurt fahren wir zu Lisi, einer Freundin von Lea, die hier studiert. Sie wohnt zusammen mit zwei Kommilitoninnen in einer Wohnung in der Nähe der Bockenheimer Warte, natürlich günstig für die Uni.

Die beiden haben sich schon lange nicht gesehen. Wir trinken in der Küche gemeinsam einen Tee, dann zeigt mir Lisi, wo ich schlafen kann. Sie will sich noch ein bisschen alleine mit Lea unterhalten. SAMUEL grollt. Ich bin aber müde und schlafe blitzschnell ein.

Dr. Kocinski hat eine Adresse im Westend. Als wir am Kettenhofweg ankommen, wissen wir, wo wir anläuten sollen, sonst hätten wir ihn nie gefunden, denn es lässt sich kein Schild entdecken. Lea sagt ihren Namen in das Mikrofon der Video-Sprechanlage und das schwere schmiedeeiserne Gittertor öffnet sich automatisch. Wir gehen vor zu der Haustür eines von den Immobilienspekulationen der 60´er und 70´er Jahre wie durch ein Wunder verschonten Patrizierhauses und bemerken auch dort die uns beobachtenden Kameras. Wieder nennt Lea ihren Namen und wir kommen ins Level 2.

Der Spieledesigner hat sich diesmal etwas Besonderes ausgedacht. Er hat die Helligkeitsverhältnisse radikal verändert. Gab es draußen von der Morgensonne erleuchtete Grüntöne, so ist er jetzt in dunkles Braun, Lila und Ocker gegangen, etwa wie in Tomb Raider, The Angel of Darkness.

In einem großen Vestibül können wir wählen, ob wir rechts oder links die Treppe hochgehen, was ziemlich egal ist, weil sie sich oben wieder treffen. Wir hören eine Stimme und orientieren uns am Geräusch. Im ersten Stock kommen wir über einen Gang an eine offene Flügeltür, durch die man in einen circa 150 Quadratmeter großen Raum gelangt, der zwar nicht fensterlos, aber durch herabgelassene Jalousien ins Halbdunkel getaucht ist. Der Boden besteht aus wertvollem, dunklem, altem Sternparkett, bei dem an einigen Stellen die Holzstücke fehlen. Einen merkwürdigen Charakter erhält der übergroße Raum auch durch drei riesige Tische, jeder für sich etwa acht Quadratmeter groß, die übersät sind mit Schriftstücken, Ordnern und Zeitungsausschnitten. Sie haben dort ganz offensichtlich aber zuwenig Platz gefunden und sind auf den Boden ausgewichen, wo Fußwege wie Erschließungsstraßen durch den Raum führen. An den Wänden stehen Regale, voll gestopft mit Büchern und Ordnern, in der Ecke gleich drei Schreibtische mit Computern, wobei die Monitore auf zweien aktiv sind. Ein alter Mann mit einer starken Horn-Brille auf einer großen Nase kommt in leicht gebeugter Haltung auf uns zu:

„Ich habe mir Sie nicht so schön vorgestellt, Frau Weinstein!“, sagt er charmant und bittet uns zu einer Sitzgruppe, die unmittelbar vor den Schreibtischen deplaziert wirkt.

„Natürlich kenne ich Ihren Fall, wie ich ja auch den Neffen des Prokuristen der Weinstein Ges.m.b.H. persönlich kannte.“ Er lächelt in sich hinein und murmelt etwas Unverständliches. Ich höre nur die Wortfetzen: „Die Welt ist klein….“

Nach einer Pause redet er wieder weiter: „Ihrem Großvater und Ihrer Familie ist großes Unrecht widerfahren, dass ist schon klar und da sind Sie gewiss nicht alleine damit. Ich habe seit dem Anruf am Donnerstag bereits genug Zeit gehabt, mich in den Unterlagen umzusehen. Soweit ich welche gefunden habe. Und ich muss Ihnen sagen, Sie haben da ein besonderes Pech.“

Er erklärt Lea, dass zwei delikate Umstände im Fall der Arisierung der Wiener pharmazeutischen Weinstein Ges.m.b.H., kurz WPW, zusammentreffen. Zum einen, dass sich der gleiche Name wie der des Profiteurs der damaligen Vorgänge, ein Dr. Fleischerle, Mitglied der NSDAP seit 1939, im augenblicklichen Vorstand des hiesigen Pharmakonzerns wiederfindet. Nicht sehr aufwendige Nachforschungen hätten ergeben, dass es sich hierbei um den Sohn handelt, einen äußerst mächtigen Sohn.

Der alte Dr. Fleischerle war ein Angestellter der WPW gewesen und kannte die Familie Weinstein sehr gut. Nach dem Anschluss Österreichs denunzierte er seinen Chef und erwarb dann den Betrieb für eine lächerliche Summe. Weder vorher noch nachher war er in irgendeiner Weise auffällig. Ein gut integriertes Mitglied der Wiener Gesellschaft, später dann der Frankfurter. Ein anständiger Bürger. Wenn seine Vergangenheit aufgewühlt würde, wäre dies sehr zum Schaden seines Sohnes, dem Vorstandsmitglied der Pharma AG. Zum anderen ginge es um sehr viel Geld. Denn die WPW produzierte ein kriegswichtiges antibakterielles Medikament, dessen Patent seit 1935 ihr Eigentum war, und machte große Gewinne. 1958 veräußerte Dr. Fleischerle die Firma an die jetzige AG und verkehrte in der BRD in obersten Kreisen. Seinen weiterhin hervorragenden Beziehungen war es dann zu verdanken, den Sohn in leitender Stellung unterzubringen.

Nun folgen Schätzungen des Streitwertes und Einschätzung der juristischen Chancen. Nach alledem, was ich heraushöre und verstehe, sind die rechtlichen Möglichkeiten eher sehr gut, was die Gefährlichkeit, die Sache anzupacken, aber enorm steigere. Seine Einschätzung klingt ziemlich ähnlich der von Horri, nur profunder und aus seinem Munde noch bedrohlicher. Lea müsse damit rechnen, dass man sie massiv unter Druck setze, sollte sie in diesem Sumpf rühren wollen.

Irgendwann werden mir Geräusche von unten bewusst. Geschirr klappert. Eine auch schon betagte Dame bringt ein Tablett mit einer Suppe, Brot und Tee herein. Draußen muss es früher Abend sein, hier drinnen aber gilt eine andere Zeit.

Lea fragt Kocinski, warum er das hier mache.

„Das ist meine Lebensaufgabe“, erwidert er. „Viele, die es überlebt haben, konnten etwas Neues anfangen, ich bin aber nie davon losgekommen. Als ich jung war, war ich glühender Kommunist. Auch noch nach dem Konzentrationslager. Ich dachte, ich könnte den Faschismus durch den Sozialismus bekämpfen. Als ich in den 50’er Jahren George Orwells „Mein Katalonien“ las und mich mit den Stalinistischen Schauprozessen befasste, ging das nicht mehr. Also wurde ich zum Einzelkämpfer. Aber es gibt auch schöne Dinge im Leben.“ Er lacht. „Ich genieße gutes Essen, einen würzigen Rojo, ein gelungenes Konzert, ein intelligentes Theater, ich lese leidenschaftlich gerne und liebe es, mich mit interessanten Menschen zu unterhalten.“

Dann erzählt ihm Lea von ihrer Mutter und dem Großvater. Kocinski ist ein alter Mensch, der zuhören kann. Das geht manchem verloren.

Mitten im Gespräch schaut er mich an: „Ihre Augen haben zu viel gesehen für Ihr Alter!“

Ich bin erstaunt, woher er das zu wissen glaubt und erzähle ein wenig über Bosnien. Als die Rede auf die vielen Menschen kommt, die man sinnlos durch menschliche Gewalt verloren hat, sagt er ruhig: „Ich habe nicht mehr lange zu leben. Als ich jung war, ist mir Sterben die schlimmste Bedrohung gewesen. Heute ist mein Körper alt und sagt meinem Geist, dass es bald soweit ist. Und mein Geist versteht, weil auch er alt geworden und die Lebensenergie so gut wie verbraucht ist. So geht das. Einfach und ohne Schrecken.“

Mir kommt es fast so vor, als tröste er mich.

Lea will am Abend wieder in Wien sein und deshalb düsen wir, ohne noch viel von Frankfurt mitzukriegen, auf die Autobahn. Wir reden über unseren Besuch bei Dr. Kocinski und bleiben bei der Figur von Dr. Fleischerle hängen. Wir geraten in eine Unterhaltung über die Natur des Menschen. Es ist, als wäre es Lea gelungen, sich in mich hinein in meine virtuelle Sitzgruppe zu setzen, wo auch ONKEL SENAD an unserem Gedankenaustausch teilnimmt.

„Dr. Fleischerle senior ist sicherlich ein gebildeter Mann, dem es wenig ausgemacht hat, Weinsteins zu denunzieren. Dass sie nach Auschwitz transportiert wurden hat er nicht aktiv betrieben, aber dass sie irgendwie verschwinden sollen – wie, dass will er gar nicht wissen – war ihm schon recht“, sagt Lea.

ONKEL SENAD nickt: „Neira Tobudic habe ich seit über sieben Jahre gekannt. Sie war Serbin wie ich. Ich katholisch, sie orthodox, ich auf Ausgleich und Verständigung aus, sie national. Sie hat sich immer mehr radikalisiert. Wie oft war sie bei uns zu Hause? Sehr oft. Aber den entscheidenden Tipp, wo man mich findet, hat sie gegeben.“

„Ich bin überzeugt davon, dass man auch heute die Menschen dahin kriegen kann, anderen Leid zuzufügen. Hauptsache, es entspricht der allgemeinen Meinung. Wenn sich das Fernsehen, die Politiker, der Pfarrer, der Lehrer und der Arzt einig sind, dann finden sich die Täter von selbst “, meint Lea. „Dem muss man mit Bildung begegnen“, sagt ONKEL SENAD. „Da sollte jeder seinen Beitrag leisten“, ergänze ich, weil ich Fatalismus nicht ausstehen kann. Dann sagt Lea noch etwas von Hannah Arendt und der ‚Banalität des Bösen’, was ich sofort weiter an den PROFESSOR gebe, mit dem Auftrag, mich zu erinnern, das Buch bei nächster Gelegenheit zu lesen.

Während der ganzen Autofahrt lässt sich SAMUEL nicht blicken, was mich sehr verwundert.

Wir kommen kurz nach Mitternacht in der Landstraßer Hauptstraße an. Ich steige aus, sie auch. Als ich zum Kofferraum gehe, um meine Tasche herauszunehmen, hält sie mich an den Händen und schaut mir so in die Augen, dass ich fast ohnmächtig werde.

„Vielen Dank, dass du mich begleitet hast, Mirko!“

Bevor ich noch irgendwas wie: „Ist doch klar, mach ich gerne wieder!“ oder so, sagen kann, nimmt sie mich in die Arme und küsst mich auf den Mund. Dabei passt nichts mehr zwischen uns, genauer gesagt, ich spüre ihren Busen. All das zusammen, die Gespräche bei Dr. Kocinski und unsere Unterhaltungen während der Autofahrten, jetzt ihr Busen, ihre Hände, die mich an der Schulter berühren, ihre feuchten Lippen auf den meinen, macht mich komplett meschugge.

Als ich sie in ihrem Citroen davonfahren sehe, spielen alle Lämpchen auf meinem Armaturenbrett verrückt. Die Muskelkontrolle funktioniert nicht mehr. Mein Körper steht bewegungslos da, mit einer schmerzhaften Erektion, das Gesicht muss wohl sehr rot sein, die Atmung verlangt eine Menge Sauerstoff, obwohl ich keine muskuläre Anstrengung hinter mir habe. Ich renne in meinem Kontrollzentrum in höchster Verwirrung hin und her. Dann beruhige ich mich langsam. Ich lasse die Straße beobachten, ob jemand meinen Zustand bemerkt hat und gebe die Anweisung, nach Hause zu gehen. Erstaunlicher Weise ist von SAMUEL immer noch nichts zu hören und zu sehen, dafür aber vom WARNER: „Du bist nicht mehr klar im Kopf, Mirko!“

Normalerweise nehme ich den WARNER ja absolut ernst, aber in diesem Moment will ich nichts von ihm hören und auch nicht mit ihm diskutieren. Ich will alleine sein und bin froh, endlich wieder die Tür meiner Wohnung hinter mir schließen zu können. Ich stelle auf Tee-Machen- und Schlafengehen-Routine und sehe auf dem Monitor währenddessen nur noch Lea. Ich weiß schon, dass ich von ihr träumen werde. Damit ich sie dann nicht wieder mit meinem Bart steche, gehe ich noch einmal ins Badezimmer und rasiere mich.

An diesem Sonntag stehe ich schon um Acht auf, denn ich muss für die Matura-Prüfung lernen. Es dauert nicht mehr lange, dann geht es los. Wir machen das arbeitsteilig. Ich sorge für Tee und den Rest erledigt der PROFESSOR. Alle neunzig Minuten macht er eine Pause. Der Autopilot schaut im PC nach meiner Post und findet ein Mail von Nuddel. Codiert, wie er das nun einmal immer macht. Das Mail soll man nach dem Lesen vernichten. Währenddessen laufen Filme mit Lea. Der WARNER schaut sie mit mir an. Irgendwie bin ich fahrig. Der WARNER lächelt gewinnend: „Du rauschst in die Neurose.“

Ich kann ihm nicht widersprechen und merke, dass ich mich nicht so recht wohl fühle. „Kannst keine klaren Gedanken mehr fassen!“, fährt er fort.

Ich stimme zu: „Diese Filmberieslung ist der pure Terror. Mein Testosteron ist weit über dem Soll.“ Nervös fahre ich mit dem Sessel nach unten. Es geht mir nicht gut. „Was schlägst du vor?“, frage ich.

„Ruf’ sie an und fahr’ zu ihr! Sie will es!“, hören wir SAMUELs Stimme.

„Mach eine Reise!“, sagt der WARNER, „lenke dich ab, entspann’ dich.“

„Du bist ein Hosenschisser!“, knurrt SAMUEL, aber diesen Disput verliert er.

Der WARNER hat Recht. Nichts gegen Lea, aber die Sache braucht Abstand. Wer weiß schon, was sie für mich empfindet? Unsere Beziehung ist im Ungleichgewicht, dass merkt doch jeder. Ich hänge ihr schon am Rockzipfel, tue alles für sie und sie sagt, wo es lang geht. Weiter so und sie wickelt mich um den Finger, persönlicher Softiebegleiter – nein, nichts für mich. Cool bleiben. Der WARNER hat Recht.

Währendessen ist der PROFESSOR bei meinem Wahlpflichtfach Philosophie angelangt. Er studiert gerade die französische Aufklärung und beschäftigt sich mit La Mettrie. Ich lasse ihn weiter akkumulieren und gehe zu der kleinen roten Zelle in der Ecke des Raumes, dem Transmitter.

Der Transmitter ist eine von mehreren Reise-Möglichkeiten, deren Darstellung ich durch die Wahl im Design-Modus auswählen kann. Manchmal bevorzuge ich den Bergwerk-Modus, in dem alle Reisen durch Lifts und Stollen in einem weit verzweigten dreidimensionalen, dunklen Gängelabyrinth stattfinden. Die Öffnung einer Tür kann mich dann beispielsweise an einen wunderbaren Palmenstrand mit tiefblauem, wolkenlosen Himmel und einer kräftigen Sonne führen, wo das regelmäßige Meeresrauschen mit Abkühlung lockt. Urlaubsprospekt, Ansichtskarte, egal, die Freiheit ist unbegrenzt, alles eine Frage des Designs. Diese Designs sind selbst wieder abhängig von dem, was ich gelesen und erlebt habe, denn sie brauchen ja das Material. Das ist manchmal lustig, denn es kommt vor, dass ich plötzlich bei so einer Reise einen Ausschnitt aus einem vor Jahren gesehenen Film erkenne.

Heute jedenfalls nehme ich den Transmitter und gebe in dessen Display mein Ziel ein. Es verdunkelt sich die kleine Zelle und ich spüre ein leichtes Vibrieren. Dann lässt sich die Türe wieder öffnen und der alte Connaisseur erwartet mich schon.

Wir befinden uns in einem mit Teppichen ausgelegten, hohen Raum, an dessen Wänden großformatige Ölbilder Schlachtenszenen der preußischen Armee zeigen. Es ist ihm offenbar von höchster Wichtigkeit, gleich zu Beginn unseres Gespräches Grundsätzliches darzulegen, als hätte er hier schon lange auf eine Möglichkeit zur Rechtfertigung gewartet:

„Unterhalte Er sich nicht mit mir auf Grundlage meiner alten Schriften“, sagt La Mettrie, „als noch die Mechanik die Erleuchtung der Naturwissenschaft war! So wäre es natürlich leicht, mich mit Hilfe der neueren Erkenntnisse zu widerlegen!“

Ohne dass ich etwas gesagt hätte fühlt er sich anscheinend ungerecht behandelt, was mir nicht selten auf meinen inneren Reisen zu Philosophen begegnet.

„Natürlich ist der Mensch keine Maschine im Sinne der simplen Mechanik“, fährt er zornig fort, „Aber der entscheidende Punkt ist doch, und hier bin ich zeitlos geblieben, dass es zur Erklärung des Menschen keines religiösen Zaubers bedarf. Sein Bewusstsein entsteht im Rahmen physikalischer und biochemischer Prozesse. Der Geist ist nichts, was die Grenzen der Physiologie überschreitet. Um den Menschen zu verstehen brauchen wir keinen Begriff der Seele, der sich nicht in das Naturgeschehen einfügt.“

Professor Weiler, in Österreich werden alle Gymnasiallehrer mit Professor tituliert, hat in seinem Skript La Mettrie als mechanistischen Materialisten und verachtenswerten Hedonisten bezeichnet. Ich finde es unangenehm, wenn ein Philosophie-Lehrer zugleich für die katholischen Schüler Religion unterrichtet. Man muss dann befürchten, dass er alles durch die christliche Brille sieht und seinen Glauben nicht von seinem Unterrichtsgegenstand trennen kann. Genau so verhielt es sich mit Professor Weiler. Er war trotzdem so nett, anzudeuten, dass zu La Mettrie eine Frage kommen könnte.

„Warum schätzt man Sie so wenig, auch noch heutzutage“, frage ich den französischen Freigeist.

„Er möge bedenken“, antwortet er, „dass meine Kritiker vom Unfug der christlichen Religion geprägt sind, damals und heute. Sie kommen nicht aus ohne Seele und wollen nicht verstehen, was ich zur Erziehung gesagt habe. Der Mensch hat keine Seele. Vielmehr wird er durch Seelenfänger von Kindheit an so schrecklich zugerichtet, dass er zum Gefangenen seiner selbst wird.“

Ich frage ihn, ob eine Maschine ein Bewusstsein haben könne. „Einmal diskutierten Philosophen und Biologen unserer Heutzeit darüber“, erzähle ich, „und in Einem waren sie sich einig. Eine Maschine könne nie und nimmer Depressionen haben, das unterscheide sie vom Menschen.“

La Mettrie schüttelt den Kopf.

„Die Depression ist ebenso wie die Krankheit funktional. Es wird nicht lange dauern, dann wird man eine Depressions-Software entwickeln. Z.B. als Phase, um Software-Widersprüche in Auto-Reparatur zu analysieren und zu beseitigen. Dann wird Er die ersten Computer mit zeitweiliger Schwermut erleben.“

Es klopft und eine schöne, melancholische junge Frau in einem Kostüm mit stark betonten Schultern tritt ein: „Monsieur, es ist soweit.“

„Vielen Dank, Rachael“, sagt La Mettrie und steht auf:

„Entschuldige Er mich nun. Das Fest beginnt. Adieu! Ich werde Menuett tanzen auf hellem Steinboden und das ist allemal besser als heutzutage Euer Walzer auf braunem Parkett.“

Ich weiß nicht warum, aber solche Dialoge wirken Wunder auf mich. Ich bin abgelenkt, keine Filme mehr von Lea, und ich fühle mich wie befreit.

Ich öffne Nuddels Mail und lese, dass ich mich mit dem Verkaufen beeilen solle. Er bräuchte dringend das Geld. Wäre sowieso vertrottelt von ihm gewesen, mir ohne Vorauszahlung den Stoff zu geben. Jetzt bin ich in einem Dilemma. Er hat ja nicht unrecht.

Durch unsere gemeinsame Vergangenheit spiele ich eine Sonderrolle, was bei ihm zu einer Beißhemmung geführt hat. Solange die anhält, soll es mir recht sein.

Nutfed ist gleichzeitig mit mir aus Sarajewo in Wien angekommen und unsere ersten Schritte waren gemeinsam. Mein Vater war angeblich in Wien und Nuddel, dessen Eltern bei einem Granatenangriff ums Leben gekommen sind, sollte hier Verwandte haben. Da beides aber nicht zutraf, haben wir uns so durchgeschlagen, jeder auf seine Weise.

Der WARNER deutet auf das Telefon. Ich beschließe, Lea anzurufen, darf schließlich das Gesetz des Handelns nicht aus der Hand geben. SAMUEL stürzt ins Cockpit und fuchtelt wild mit den Armen. Er rollt dabei ganz fürchterlich mit den Augen.

Als ich Leas Stimme höre, wird es mir ganz schwach in den Knien. Dann erhole ich mich aber schnell, weil sie so unkompliziert und normal klingt, das krasse Gegenteil von mir, denke ich. Sie bedankt sich noch einmal und wir kommen aufs Lernen zu sprechen. Ich mache ein verstecktes Liebesgeständnis:

„Besser, wir lernen nicht zusammen, ich könnte mich nicht konzentrieren!“

Sie lacht.

Als das Gespräch zu Ende, ist bin ich einerseits froh, dass ich mich jetzt voll und ganz auf die Matura-Vorbereitung stürzen kann, andererseits fühle ich mich plötzlich etwas alleine und das ist ganz selten bei mir.

Die nächsten Tage sind dem Lernen vorbehalten. Schönbichler weiß, dass ich bei der Arbeit im Zweiundzwanzigsten wegen der Prüfung eine Pause machen muss und da sie nicht schnell einen so guten Arbeiter finden wie mich, ist das kein Problem.

Der Professor saugt aus den Büchern das Wissen in sich hinein, ich muss am Abend immer Bier trinken, weil er sonst nicht aufhört und ich dann nicht schlafen kann. Ich werde ihm die Prüfung überlassen und mich nicht einmischen. Nur in Philosophie will ich mitmachen, und wenn alles gut geht, danach an der Wiener Universität Philosophie studieren.

Während dieser zwei Wochen ist der Kontakt zur Außenwelt fast abgebrochen. Gelegentlich gehe ich einkaufen, wobei ich darauf achten muss, dass die Geschäfte auch offen sind, denn unser momentaner Arbeitsrhythmus entspricht nicht dem normalen 24-Stunden Tag.

Irgendwann ruft Lea an. Obwohl auch sie im Lernrausch ist, hat sie noch nebenbei die Energie gehabt, erste Gespräche mit einem Anwalt zu führen. Ihr Opa hatte bei seinen juristischen Kämpfen schon einige Juristen beschäftigt, aber Lea will es mit einem Neuen versuchen. Er heißt Piacek und mache ihr einen guten Eindruck, erzählt sie. Er wurde ihr von einer Freundin empfohlen, die sie noch aus ihrer wilden Filmerzeit kannte. Der Anwalt hätte von seiner Familie so viel Geld geerbt, dass er nicht vor Geldgier zerfressen sei wie viele seiner Kollegen. Außerdem sei er ein Einzelgänger und übergibt seine Fälle nicht an Substituten, die dann keine Ahnung von der Sache haben, weil sie die Angelegenheit bestenfalls aus den Notizen ihres Chefs kennen. Lea hat einen ganzen Vormittag bei ihm verbracht und ihm eine Menge Material von ihrem Opa dagelassen. Von unserem Besuch bei Dr. Koscinski hat sie auch erzählt, ihn aber nicht mit Namen erwähnt. Dr. Piacek versprach Lea, erste Erkundigungen über die Fleischerles einzuziehen und sich in die Arisierungsvorgänge um die WPW Ges.m.b.H. einzuarbeiten. Anscheinend hat ihn Lea beeindruckt, was nicht schwer vorzustellen ist, und der Fall wird ihn obendrein interessiert haben.

In der Woche der schriftlichen Prüfungen sehe ich Lea endlich wieder. Natürlich haben wir keine Zeit, uns lange zu unterhalten und neben mich setzt sie sich leider auch nicht, weil alle wissen, dass ich wahrscheinlich den Lernstoff ziemlich gut im Griff haben werde und Lea zu stolz ist, von mir abzuschreiben.

Die Schriftlichen sind dann auch wirklich leicht. Der Professor ist in seinem Element, ich kann mich auf ihn verlassen. Dementsprechend wenig aufgeregt bin ich auch. Er diktiert, die Hände schreiben und ich lese mit. Da gibt es nichts, was ich verbessern will.

Jetzt geht es weiter mit dem Lernen, diesmal für die mündlichen Prüfungen. Unverändert führt der PROFESSOR das Kommando. Zwei Wochen später erfahre ich, dass die Schriftliche gut war und ich zur Mündlichen zugelassen bin. Und noch einmal zwei Wochen später ist es soweit.

In der Früh bin ich nervös, vor allem, weil ich, trotz der Bedenken des Professors, eingreifen will. Ich komme in Deutsch, Psychologie und Philosophie dran.

„Halte dich raus!“, sagt er. „Das ist nicht dein Ding. Ich mach’ das schon.“

„Also gut, einverstanden. Deutsch und Psychologie sind deins, aber in Philosophie will ich mich vielleicht einmischen.“

„Pure Eitelkeit!“, widerspricht der Professor, „Die Prüfer wollen wissen, ob du die Skripte auswendig gelernt hast. Darum geht’s, nicht um deine Meinung. Wenn eine Meinung, dann wollen sie ihre eigene hören!“

Der PROFESSOR hat wahrscheinlich Recht, aber warum soll ich immer pragmatisch handeln.

Man gibt uns als erstes die Liste, wann welche Prüfungen stattfinden. Ich habe Glück, denn ich muss nicht lange warten. Es beginnt mit Deutsch und es läuft wunderbar. Der PROFESSOR ist kaum zu stoppen und die anwesenden Damen und Herren sind sehr beeindruckt.

„Ha!“, sagt er, „So geht das!“

Ich gratuliere ihm, er dankt mir stolz.

Die zweite Prüfung verläuft identisch. Wieder staunende Prüfer, wieder muss der Wortschwall meines Wissensverwalters von den Lehrern beendet werden und wieder bedanke ich mich bei ihm.

Die Philosophie-Prüfung aber verläuft dann doch etwas anders. Und wenn ich etwas Böses zu Professor Weiler gesagt habe, nehme ich das jetzt zurück. Denn der externe Prüfer stellt die erste Frage tatsächlich zu La Mettrie, da hat Weiler mir echt einen guten Tipp gegeben. Hätte ich ihm nicht zugetraut.

„Sie haben ja bisher das Prüfungskollegium sehr beeindruckt, Herr Oric“, spricht mich ein kleiner, dicklicher Herr an, der sich damit als mein Prüfer erweist. „Was wissen Sie über La Mettrie?“

„Julien Offray de La Mettrie wurde….“ Der PROFESSOR liest brutal aus seiner Biografie vor, so dass ihn der Prüfer nach zwei Minuten entnervt stoppen muss.

„Wunderbar, beeindruckend, danke. Sagen Sie mir bitte noch, wer seine mechanischen Ansatz in Der Mensch als Maschine beeinflusst hat.“

Jetzt übernehme ich: „Da könnte man Thomas Hobbes nennen. Er war der erste, der die neue mechanische Naturerklärung auf alle Gebiete der Philosophie angewendet.“

„Ausgezeichnet. Homo homini lupus est. Was fällt Ihnen dazu ein?“

„Stammt nicht von Thomas Hobbes, steht nicht im Leviathan, sondern in einem Widmungsschreiben zu seiner Abhandlung Vom Bürger“, leiert der PROFESSOR aus dem Skript, „Kommt bereits in der Eselskomödie des Plautus vor.“

„Ausgezeichnet! Herr Oric, angesichts Ihrer bisherigen Leistungen brauche ich Sie nicht weiter zu befragen.“

„Das wirklich wichtige an seiner Lehre war aber“, mache ich vorwitzig ungefragt weiter, „dass die Legitimation der Macht nicht mehr – wie zuvor – von Gottes Gnaden abgeleitet wird, sondern von den Menschen, die einen Gesellschaftsvertrag eingehen.“

„Das ist richtig, Herr Oric, aber ohne Religion verdirbt eine jede Gesellschaft.“

„Das sehe ich anders“, erwidere ich, habe bei ihm aber einen wunden Punkt berührt.

„Da liegen Sie falsch“, sagt er fast zornig, „Lassen Sie sich das gesagt sein. Sie können gehen.“

Ich will dazu etwas erwidern, aber der PROFESSOR hält mir den Mund und ich gehe.

Ich hätte gerne eine längere Prüfung gehabt, eine, die mehr an Inhalten interessiert ist, bei der nicht hinter jeder Frage der katholische Glaube hervorlugt. Aber ich muss mich wohl damit abfinden, unter abergläubischen Menschen zu leben, die Jesus für den Sohn eines Gottes halten, oder wie die meisten Amerikaner von der Existenz des Teufels genauso überzeugt sind, wie sonst nur von der Existenz bereits auf der Erde gelandeter Außerirdischer. Was soll’s. Eigentlich ist alles gut gelaufen, kein Grund, die Nerven zu verlieren.

Ich stehe schon längst wieder auf dem Gang.

„Wie war es?“, fragen sie von allen Seiten.

„Passt schon!“, sage ich, „Eh gut!“ Was soll ich sie auch schrecken.

Mein Kopf fühlt sich an wie eine hohle Nuss. Ich bedanke mich noch einmal beim PROFESSOR, sage ihm aber, dass ich ihn die nächste Zeit absolut nicht mehr sehen will.

Ich muss sehr eindrücklich gewesen sein. Er schaut jedenfalls betroffen und verschwindet ganz schnell aus dem Cockpit. Von Philosophie habe ich vorläufig die Nase voll.

Am Abend hängen in der Schule die Listen mit den Namen derjenigen aus, die es geschafft oder nicht geschafft haben. Lea hat es geschafft, ich auch. Sie macht sich rar, ich bin aber da wohl selbst daran schuld. Immerhin rufen wir uns regelmäßig an. Sie beschäftigt sich weiterhin intensiv mit der Sache ihres Großvaters und ihr Anwalt scheint für sie ein Volltreffer zu sein, denn er fördert neue Informationen zutage.

Wenn ich demnächst das Matura-Zeugnis bekomme, kann ich mich damit in Philosophie immatrikulieren, aber wie ich mein Studium finanzieren soll, ist derweil unklar. Also muss ich wohl oder übel einen Kompromiss eingehen. Der Beschluss, die Beziehungen mit Nuddel sofort abzubrechen, ist nämlich die eine Sache. Dass ich aber noch einen Kilo Afghan habe, die andere. Der Erlös gäbe mir Zeit, inzwischen zu überlegen, wie es dann weitergeht. Ein bisschen schlechtes Gewissen habe ich den anderen schon gegenüber. Egal! Jedenfalls muss ich den Stoff noch verdealen, bevor ich endgültig aufhöre. Ich will mal versuchen, Kleinkram am Karlsplatz loszuwerden.

Ich fahre mit der U4 von der Station Landstraße Wien Mitte bis zum Karlsplatz und habe vorsichtshalber nur 120 Gramm bei mir. Ich bin optimistisch, vielleicht nimmt ja einer eine größere Menge. Als ich aussteige, hat der ZÄHLER bereits 24 Personen mit Kopfbedeckung gezählt. Kurze Unterbrechung gab es, als geklärt werden musste, ob auch Babys gelten. Aber Klein-Sein ist kein wesentliches Ausscheidungskriterium. Tiere mit Kopfbedeckung wären vielleicht ungültig. Babys sind Menschen, also gelten sie.

Jetzt hat er den Zählgegenstand geändert und es sind Stufen dran. „…31, 32, 33,….“, bis wir in der Zwischenebene sind.

Ich bin auf meinem Pilotensessel situationsgemäß angespannt, denn ich muss auf die Polizei achten, sowohl auf Uniformierte als auch auf die Zivile. Ständig überprüfe ich am Bildschirm die Menschen, die mir entgegenkommen oder hinter mir herlaufen, ob ich irgendetwas Auffälliges wahrnehme. Aber da es relativ früh am Tage ist, sind scheinbar weder Polizisten noch viele Dealer unterwegs. Einige sehe ich allerdings in der Ferne, die muss ich meiden, im Unterschied zur freien Marktwirtschaft, wo angeblich die Konkurrenz gesund ist, gilt das hier nur bedingt.

Tatsächlich fängt der Tag gut an und ich kriege mit den ersten drei Kontakten 50 Gramm weg. Der nächste Kunde ist ein heruntergekommener Typ, gar nicht so viel älter wie ich, und sieht aus wie ein Junkie. Er schaut sich nervös um und will 80 Gramm. Ich habe das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und fordere ihn auf, mir zu zeigen, ob er überhaupt das Geld dazu hat. Wir gehen in eine Seitenpassage und ich bin darauf eingestellt, dass er jetzt gleich ein Messer zieht. Also werden alle Muskeln darauf vorbereitet, im Notfall zu explodieren, aber er lässt Euroscheine bündelweise sehen.

Jetzt greife ich in die linke Tasche, wo die abgepackten Zehn-Gramm-Plättchen sind, als der Kerl mich so schnell anspringt, dass ich die Hand kaum herauskriege, und schon hat er mir Handschellen verpasst. Das muss er oft geübt haben, es ging jedenfalls unglaublich fließend. Ich versuche mich noch loszureisen, als um die Ecke zwei Uniformierte gerannt kommen und weiß, dass es jetzt ganz, ganz schlecht aussieht für Mirko Oric.

Man begleitet mich aus dem Schattenreich in das Licht des Karlsplatzes, das aber mir für heute nichts Gutes verspricht, denn ich werde es ab jetzt wohl längere Zeit sonnenlos haben. Wir halten an einem Streifenwagen, und nachdem sie meine Personalien aufgenommen haben, verfrachten sie mich auf den Rücksitz, einer neben mir und vorne der Fahrer. Es geht zunächst zum Deutschmeisterplatz, wo man mich kurz vernimmt, dann zum Polizeianhaltezentrum in der Rossauer Lände, schließlich ins Graue Haus, dem Landesgericht für Strafsachen Wien im 8. Bezirk. Ein Sicherheitsbeamter belehrt mich, dass ich wegen Verstoßes gegen das Suchtmittelgesetz festgenommen sei und dass ich einen Angehörigen oder einen Anwalt informieren könnte, es aber nicht müsse. Ich weiß tatsächlich nicht, wen ich anrufen sollte, weil ich keine Angehörigen in Österreich habe, schon gar nicht Lea, das wäre mir eher peinlich. Ich bin froh, dass ich die österreichische Staatsbürgerschaft habe, sonst könnten sie mich jetzt abschieben. Ich rufe Schönbichler an und schildere kurz die Lage. Er glaubt, dass ich die Arbeit behalten kann, wenn es nicht so lange dauert.