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„sein“ und „toten“

 

„Er ist tot.“  Das geht nicht. „Sein“ und „tot“ ist ein Widerspruch, denn der Tote ist nicht mehr. Nach dem Tod gibt es kein „SEIN“ des Toten mehr.

„Er ist tot“ suggeriert also, dass jemand „tot“ also nicht mehr „ist“ und gleichzeitig „ist“, nämlich tot.

In unserer Sprache gibt es also nach dem Tod ein „Sein“. Hat sich hier das Religiöse in die Sprache gemogelt?

Für den Jenseitsgläubigen ist das alles kein Problem, für den Atheisten schon: Wir kommen hier in ein Gebiet der Sprach-Paradoxen, jedenfalls für den, der der Meinung ist, dass das „Sein“ des Menschen nach dem Tod unwiderruflich aufgehört hat zu sein.

Vielleicht brauchen wir hier genauso ein neues Wort wie für das Pendant zu „satt“ bezüglich des Trinkens, wofür es bekanntlich kein passendes Adjektiv gibt. Ich habe meinen Durst gelöscht, ich bin…  Was jetzt?

Vielleicht nehmen wir das Verb „toten“, gleich bedeutend mit „nicht sein“.  Also heißt es jetzt: „Er tot.“

Weniger ist mehr, da sind uns vielleicht die Naturvölker voraus.

Obwohl: Deutet nicht die Bezeichnung „Er“ auf etwas „Seiendes“?  Wir kommen anscheinend in des Teufels Küche, was uns natürlich zu neuen Fragen führt: Was gibt es da heute zu essen und zweitens: Gibt es den Teufel überhaupt?

Zu Philipp Blom „Böse Philosophen“

Erschütternd ist nicht, dass wir keine Ideen hätten, einen positiven gesellschaftlichen Wandel zu bewirken, erschütternd ist vielmehr, dass bereits vor 250 Jahren all diese Ideen formuliert wurden und sich bis heute wegen des Widerstandes der Kirchen und der Gier des Kapitals nicht durchsetzen konnten.

 

Dies uns zu verdeutlichen ist das Verdienst von Philipp Blom, der in seinem Buch „Böse Philosophen“ die Lebenssituation und die Denkrichtung der radikalen Aufklärer rund um Baron d´Holbach und Denis Diderot untersucht.

 

Hier erfährt man u.a., dass in Holbachs Salon die Evolutionlehre Darwins bereits im Keim diskutiert wurde. Der Biologe Buffon argumentierte schon um 1750 zutreffend gegen die biblische Darstellung vom göttlichen Schöpfungsakt der Erschaffung des Menschen nach Gottes Bild,  dass der Mensch vielmehr ein Tier unter vielen sei und dass sich die Tiere in Abhängigkeit der Umwelt verändern. Demgegenüber müssen wir uns noch heutzutage mit dem Unsinn der Auffassung vom „Intelligenten Design“ herumschlagen und damit unsere kostbare Zeit vergeuden.

 

Wohlbegründet wurde auch in der Holbach´schen Runde, um nur ein weiteres von vielen Beispielen hervorzuheben, die Todesstrafe in ihrer Unmenschlichkeit und Unwirksamkeit rational mit Argumenten kritisiert, die noch heute viele Staaten nicht begriffen haben.

 

Diderot, Holbach und seine Mitstreiter entlarvten die Machenschaften der Kirche und die gesellschaftlich schadensbringende Funktion der Religion fundamental, so dass sie damit wohl wesentlichen Einfluss auf Ludwig Feuerbachs Religionskritik ausübten. Es überrascht nicht, dass bis heute diesbezügliche Pioniere wie der französische katholische Priester

Jean Meslier († 1729 in Étrépigny) und Holbach selber nahezu unbekannt sind, wohingegen Philosophen, die man gemeinhin mit dem Stichwort „Aufklärung“ assoziiert, nämlich Rousseau und Voltaire, keineswegs essentielle Religionskritiker waren.

 

Ebenso wie, auch dies führt Blom  schlüssig aus, bei Immanuel Kant, waren ihre Aussagen durchaus von Christen zu übernehmen, ohne dabei „die eigenen religiösen Vorstellungen aufs Spiel zu setzen“(Blom).

 

Ist diese Kritik bei Kant noch peripher, trifft sie bei Rousseau ins Mark. Denn dieser erweist sich als ebenso gottgläubig, ebenso sexualfeindlich und ebenso frauenfeindlich wie seine christlichen Zeitgenossen, wie wohl sein Einfluss auf spätere Generationen ein viel größerer war,  wie der der radikalen Aufklärer.

 

Aber es ist gerade diese Konsequenzlosigkeit, die Voltaire und Rousseau so beliebt werden ließ: „Écrasez l’Infâme“ rief Voltaire der damaligen Kirche entgegen, lies sich aber eine eigene Kapelle errichten und verachtete jeglichen Atheismus.

 

Mehr Historiker als Philosoph ist Philipp Blom ein flüssig zu lesendes, spannendes Buch gelungen, welches eine neue Sichtweise auf die Philosophen der Aufklärung werfen lässt: man erfährt viel über Freundschaften und Intrigen und die philosophische Kraft der Denker des Kreises um Baron ´d Holbach und Diderot.

 

Und man erkennt vor allem nach der Lektüre eines:

 

Vielen Auffassungen der „modernen“ Welt sieht man die christlichen Wurzeln nicht mehr auf den ersten Blick an. Das betrifft zum Beispiel die immer wieder heraufbeschworenen Weltuntergangsszenarien wie Klimakatastrophe, Pandemieängste etc., hinter denen sich die christlich apokalyptische Sehnsucht verbirgt, ebenso, wie  etwa die Verherrlichung des Leidens bei den Kunstschaffenden in Literatur, Malerei etc., hinter der sich die christliche Leidensfreude versteckt. Auch die verbreitete Ablehnung des Körperlichen, die Sexualfeindlichkeit und die Geringschätzung der Frauen speisen ihre  Kraft aus den monotheistischen Religionen.

 

Dies alles war den „Bösen Philosophen“ bereits sonnenklar. Warum braucht es nur so lange, mag man da seufzen, dass das Licht der Vernunft die religiöse Vernebelung durchdringt?

Fragen zum Tod

 

Herr P. wurde einmal gefragt,  an welchem Tod, da er nun einmal unausweichlich sei, er denn am liebsten sterben würde.  

Am liebsten, antwortete er, würde er nach langer Bettlägerigkeit am lebendigen Leib von Fliegenmaden zerfressen werden.

Er stellte dann seinem Bekannten eine Gegenfrage, von wem er, sollte es  denn geschehen, bei einer Straßenüberquerung mit für ihn tödlichem Ausgang,  lieber überfahren werden wollte,  von einem Mann oder einer Frau.

Nieder mit der Freiheit!

Hören Sie sie auch gelegentlich? 

 

Buñuel hörte sie schon und auch ich höre sie immer häufiger, die Forderung der Massen:

 

„ES LEBEN DIE KETTEN!  NIEDER MIT DER FREIHEIT!

Tier, Mensch, Katzen, -befröb34

Neulich konnte ich mich anlässlich einer Spätveranstaltung in einem angesehenen Restaurant einem Gespräch über den Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht entziehen. Es wurden zahlreiche Unterscheidungsmerkmale angeführt, wie etwa das Vermögen zu Leiden (der Blitz soll dein Grab treffen, Descartes!), das Lachen, das Selbstbewusstsein, die Gehirnkapazität u.s.w.

 

Natürlich war das alles Blödsinn, weil es eher in die Kategorie gepasst hätte, warum der Mensch ein Tier ist wie etwa die gemeine Beutelratte. Aber seit jeher hatte der Mensch das Bedürfnis, etwas besonderes zu sein. Wir kennen das:  „Das Reich der Mitte“, oder „Alle Wege führen nach Rom“, oder überhaupt das „Geozentrische Weltbild“. Wir sind eben die Krone der Schöpfung und da wäre es auch ganz nebensächlich gewesen, hätte man schüchtern angemerkt, dass der Mensch knapp 99 Prozent seines Erbgutes mit dem Schimpansen teilt.

 

Als sich dann die Unterhaltung auf die Katzen zubewegte und damit auf die Frage, ob diese über Probleme der Welt nachdenken könnten, hatte ich endlich aus eigener Anschauung einen wertvollen Beitrag zu liefern, und ich erzählte von meiner Überzeugung, dass sich Katzen sehr wohl auch über komplexe Zusammenhänge wie beispielsweise der Raumkrümmung  oder der Relativitätstheorie Gedanken machen, aber mit einer uns Menschen unbegreiflichen Beiläufigkeit. Ganz selten sind sie nämlich an einer Mitteilung an uns interessiert.

 

Mein Kater raffte sich eines Abends, als ich faustisch über philosophische Probleme grübelte, auf und ging über meine Laptop-Tastatur. Er schrieb -befröb34. Meinen erstaunten, hilflosen Gesichtsausdruck wohl dahingehend interpretierend, dass ich dies als Zufall annehmen könnte, ging  er ein zweites Mal über die Tastatur und schrieb erneut -bfröb34.

 

Ich bat nun die Gesprächsrunde, und hiermit auch Sie, geneigter Leser, mir bei der Entschlüsselung dieser unzweifelhaft sinnvollen Aussage, hinter der sich wahrscheinlich ein philosophisch weit reichender Satz verbirgt, zu helfen. Es wäre uns nicht nur ein einzigartiger Beweis der Kommunikation Mensch-Tier gelungen, sondern darüber hinaus hätten wir noch einen erheblichen Erkenntnisgewinn über unsere Welt in Aussicht.

Von Hobbes zu Carl Schmitt

Gedanken zur  Legitimierung des „Führerstaats“

Carl Schmitt (geb. 1888 in Plettenberg, Sauerland; gest. 1985 ebenda, einer der bekanntesten deutschen Staats- und Völkerrechtler des 20. Jahrhunderts) war eine schillernde Gestalt. Hochgebildet, erfolgreicher Hochschulprofessor mit internationaler Reputation, katholisch, Verfasser der „Politischen Theologie“, diente er in der Weimarer Republik mehreren Regierungen als Jurist. Als dann Hitler an die Macht kam, wurde er ohne zu zögern Mitglied der NSDAP und stellte sich ganz in den Dienst des Nationalsozialismus. Dennoch gelang es ihm, sich einen einigermaßen anerkannten Ruf als Geisteswissenschaftler zu bewahren.

 

Als es darum ging, die Nazi-Diktatur gegenüber dem Ausland und Zweiflern im Inneren zu verteidigen, unternahm er einige Anstrengungen, den „Führerstaat“ theoretisch zu rechtfertigen und ging dabei von dem englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679) aus.

 

Beeinflusst von den Zuständen der Religionskriege in Europa, im speziellen von den chaotischen Zuständen vor, während und nach dem englischen Bürgerkrieg 1642 -1649, entwickelte dieser seine pessimistische Sicht des Naturzustandes des Menschen. Der Mensch, so stellte es sich für Hobbes dar, ist in seinem naturgegebenen Charakter egoistisch, machtgierig und für seine Mitmenschen gefährlich. Bekannt ist der nicht von Hobbes stammende, aber immer mit ihm in Verbindung gebrachte Satz: Homo homini lupus est. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Dadurch entsteht ein Krieg „aller gegen alle“, den jeder oder jede Machtgruppe nur zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen will. Das Wohl des Gesamten bleibt bei dieser Sicht auf der Strecke.

 

Um diesen Zustand zu überwinden, bedarf es nach Hobbes eines Gesellschaftsvertrages. In diesem übertragen die Einzelnen wesentliche Rechte auf eine zentrale Gewalt, auf den Souverän, der dadurch über dem Recht steht.

 

In diesem staatsphilosophischen Ansatz kommt, wie selten so deutlich, das zum Ausdruck, was Adorno und Horckheimer unter der Dialektik der Aufklärung verstanden. Einerseits nämlich überwand der Gedanke des Gesellschaftsvertrages die Legitimation des Staates durch das Gottesgnadentum. In diesem Aspekt war Hobbes ein Aufklärer ersten Ranges. Die Ideologie der christlich-kirchlichen Allianz mit dem Adel war überwunden.

 

Andererseits ist ein derartig starker Hobbes´scher Staat, der „Leviathan“, die Legitimierung unbeschränkter Machtausübung im Absolutismus. Ein Widerstandsrecht (mit Ausnahme der Notwehr) ist bei Hobbes nicht vorgesehen. Der Gedanke der individuellen Freiheit bleibt auf der Strecke: Freiheit ist bis auf wenige Ausnahmen gänzlich abgeschafft. Jegliche Tyrannei kann sich hier seine Legitimation besorgen.

 

Diese andere Seite des Aufklärers Hobbes wurde besonders deutlich, als sich der „Kronjurist des Dritten Reichs“, eben Carl Schmitt, auf ihn bezieht, um einen ideologischen, akademischen Schleier um den nationalsozialistischen Unrechtsstaats zu weben. Der „deutsche Hobbes des 20.Jahrhunderts“, wie ihn der deutsche Soziologe Helmut Schelsky einmal nannte, kann in den dreißiger Jahren so der akademischen staunenden, vor allem auch internationalen Öffentlichkeit, eine Rechtfertigung des Führerstaats (u.a. schon 1932 in: „Der Begriff des Politischen“) präsentieren.

Fotografie von Gregory Crewdson

Wenn ich eine Rangliste meiner Lieblingsfotografen machen müsste (Ranglisten sind ja en vogue – Ranglisten sind ja schrecklich: Gut, dass ich keine machen muss!):  Gregory Crewdson stünde weit oben an prominenter Stelle.


Selten, dass Fotografien eine solch erzählerische Dichte aufweisen, selten, dass Stimmungen einer Kultur in einer Fotografie ausgedrückt werden können.


Crewdson inszeniert seine Aufnahmen wie einen Hollywood-Film. Und tatsächlich: daher holt er auch seine Formsprache. Er lässt sich inspirieren von Steven Spielberg und David Lynch und benutzt nicht selten professionelle Schauspieler für seine Kompositionen, für die er nicht unbedingt der Mann am Auslöser sein muss: er sieht sich mehr in der Rolle des Regiseurs der Fotoaufnahme.


Was für Amerika der 30 ´er Jahre in der Malerei Edward Hopper, ist in der Fotografie des ländlichen Amerikas der ´90 er Jahre Gregory Crewdson.

[Gregory Crewdson (* 26. September 1962 in Brooklyn)]