Wilhelm Genazino

Kennen Sie das? Sie gehen auf der Straße und beim Herumsehen kommen Ihnen die absonderlichsten Gedanken in den Kopf. Assoziationen, verrückte Ideen, irgendwelche Erinnerungen beim Betrachten der Gesichter Vorbeigehender und solche Sachen eben. Ganz schnell ist das aus dem Gedächtnis; das unablässig arbeitende Gehirn eilt zu den nächsten peripheren Überlegungen, und alles versinkt in den Malstrom des Vergessens.

 

Nicht so bei Wilhelm Genazino, der ein Tonbandgerät in seinem Kopf zu haben scheint. Der Gedanken dem Vergessen entreißt, die in seiner Skurrilität, seiner Offenlegung menschlicher Schwächen einen deshalb zum Lächeln bringen, weil man gelegentlich sich Selbst in ihnen wiederzuentdecken glaubt.

 

Wilhelm Genazino ist also ein Meister der Beobachtung des eigenen unaufhörlichen Sinnisierens. Der philosophische Ertrag ist dabei beträchtlich, zumal, wenn man dem Beruf eines Luxusschuh-Testers nachgeht, und dabei naturgemäß viel Zeit beim Durchstreifen der Stadt hat. In „Ein Regenschirm für diesen Tag“ kann man Anteil nehmen an dessen Bemühungen, in den Beziehungen zu den Frauen und insbesondere zu Lisa, eine Stabilität zu erreichen. Doch in Wirklichkeit sind seine ironischen, absonderlichen Beobachtungen und Gedanken aus der Distanz das Hauptelement des kurzweiligen Romans.

 

In „Mittelmäßiges Heimweh“  geht es insofern existenzieller zu, als dass der zur eigenen Überraschung zum Finanzdirektor beförderte Dieter Rotmund in seiner Ehe scheitert und von seiner Frau verlassen wird. Er sieht sich auch in dieser Hinsicht in das Mittelmaß sinken, denn geschiedene Ehen sind nunmal das Übliche. Dass er schon am Anfang seines Romans sein Ohr verliert, später ihm noch eine Zehe abfällt, symbolisiert seine von ihm wahrgenommene Unvollkommenheit. Statt tragisch geht es aber wieder skurril und ironisch zu: Es ist nicht die Handlung, die einen zum Weiterlesen verlockt, sondern der Gedankenfluss des Protagonisten, an dem man teilhaben kann, als säße man in seinem Kopf. Dieter Rotmund arrangiert sich. Er lernt andere Frauen kennen, auch wenn sich auch diese Bekanntschaften nicht als vollkommens Glück erweisen.

 

Genazinos unaufdringliche Tiefsinnigkeit erobert literarisch unvermessene Regionen der Gedankenwelt.