Gegen den Tag

Stand: 17.11.2008

Gegen den Tag von Thomas Pynchon

 

Eine Rezension von Michael Pfister

 

In seinem Vorwort zu „Die Welt als Wille und Vorstellung“ gibt Arthur Schopenhauer den Käufern seines Werkes den gut gemeinten Ratschlag, sie sollen es, wenn sie es schon nicht lesen mögen oder können, doch wenigstens rezensieren. Fataler Weise haben sich viele Buchkritiker diesen Scherz zu Eigen gemacht und so entstanden eine große Zahl peinlicher Rezensionen, die von Zynikern nur dadurch entschuldigt werden, dass im Falle des Romans „Gegen den Tag“ von Thomas Pynchon ca. 1600 nicht leicht lesbare Seiten zu bewältigen sind, wo es durchaus nicht selten ist, dass eine Figur erst nach tausend Seite wieder in das Geschehen eingreift, man nicht nur diesbezüglich intellektuell gefordert wird. Und das so eine Rezension nicht eben gerade gut bezahlt wird.

 

Hat man sich aber der Mühe, und dann sehr rasch auch dem Lesegenuss des Buches hingegeben, dann wird einem ein komplexes, vielschichtiges Werk offenbart, mit dem sich noch viele Literaturstudenten in ihren Seminaren und Dissertationen beschäftigen werden.

 

In „Gegen den Tag“ geht es um die Bloßstellung des Wesens des Kapitalismus – ist ja nicht schlecht angesichts der Finanzkrise einmal darüber nachzudenken – an Hand des Kampfes der Familie Traverse gegen den Großindustriellen Scarsdale Vibe am Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, der in die Handlung eingeführt wird, als er eine im Foyer eines Hotels gegen ihn demonstrierenden Dame ins Bein schießt. Männer in seiner Position können sich so etwas folgenlos erlauben. Auf Vibes Weisung wird Webb Traverse, ein anarchistischer, im Lohn der Eisenbahngesellschaften stehender Sprengstoffspezialist, ermordet, und der Leser begleitet dessen Kinder Frank, Reef, Kit und Lake auf ihren weiteren Lebenswegen, die nicht unwesentlich von dem Gedanken an Rache erfüllt sind. Das gilt vor allem für die Männer. Bei Lake, der aufsässigen Tochter von Webb, bekommt das Trauma des Todes ihres Vaters eine Umkehrung: sie lebt fortan mit einem der Mörder zusammen, denn eines will Pynchon schon gar nicht: es seinen Lesern leicht machen.

 

Um einen Menschen zu verstehen, das wissen wir aus den Sozialwissenschaften und der Psychoanalyse, müssen wir vor allem seine ersten Lebensjahre betrachten. Seine Lebensbedingungen in seiner Familie und seiner Umgebung. Mit dem Kapitalismus ist das nicht anders: sein Wesen, sein Charakter wird in den Anfängen besonders deutlich. Später dann ist die Verschleierung schon so weit fortgeschritten, dass man die blutigen, verbrecherischen Ursprünge des unglaublichen Reichtums dynastischer Familienclans nicht mehr wahrnimmt. Die Charakterwäsche hat stattgefunden. Die Geschichte der so genannten ursprünglichen Akkumulation des Kapitals wird gerne vergessen oder beschönigt. Ob Kennedys, Bushs, Rockefellers: sie sind ehrbar geworden und keiner mag sich mehr an ihren Werdegang erinnern. Ihre Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert lässt Pynchon in der Person von Scarsdale Vibe vor der Bergbau-Liga der Arbeitgeber eine Rede halten, die so klingt: „Natürlich benutzen wir sie: wir spannen sie ein und sodomisieren sie, wir photographieren ihre Erniedrigung, schicken sie auf Gleise und hinunter in Bergwerke, Kloaken und Schlachtstätten, wir bürden ihnen unmenschliche Lasten auf, wir heimsen ihre Muskelkraft, ihr Augenlicht und ihre Gesundheit ein und lassen ihnen in unserer Herzensgüte ein paar Jahre ärmlicher Nachlese. Natürlich tun wir das. Und warum nicht? Sie taugen für wenig anderes.“

 

Und gegen Ende des Buches schreibt in einem Schulaufsatz Jesse, der Enkel von Webb Traverse, zum Thema, was es heißt, ein Amerikaner zu sein: „Amerikaner zu sein heißt, zu tun, was einem gesagt wird, zu nehmen, was einem gegeben wird, und nicht zu streiken, denn sonst kommen Soldaten und schießen einen nieder.“ und bekommt dafür eine Eins.

 

Das und nichts anderes ist Pynchons Leitmotiv und es erscheint mir bezeichnend für den Zustand unsrer aktuellen Kulturlandschaft zu sein, dass dies entweder gar nicht erwähnt wird, oder man lediglich kurz anmerkt, dass Kapitalismuskritik ja schon immer ein Lieblingsgegenstand des Meisters war, um sich sodann anderen seiner zahlreichen Themen zuzuwenden.

 

Klare Positionierung scheint in unserer aktuellen Kulturlandschaft nicht mehr en vogue zu sein. Wenn etwa der Altmeister des politischen Kabaretts Dieter Hildebrandt (80) bei Harald Schmidt (50) einen politischen Standpunkt vermisst, erwidert dieser geschmeidig: „Man muss an der Oberfläche politisch neutral sein, sonst läuft man in die Gefahr, zu bevormunden.“ Das sieht nach einem kulturellen Wandel aus. Denn auch in die Literaturdiskussion hat diese Position Einzug gehalten. Man stolpert täglich über Stehsätze wie XY beantwortet keine Fragen, er stellt Fragen, oder XY hat sich in eine Beobachterposition begeben, die nicht entlarven will, sondern verzeichnend zur Kenntnis nimmt etc. Vielleicht ist das ein Grund für Pynchons Außenseiterrolle. Man liebt heutzutage mehr das Ausgleichende, das Vermittelnde, Alle-Verstehen-Wollende. Oder wie Peter Sloterdijk in Zorn und Zeit schreibt: „Hingegen wird jetzt alles Einseitige und Zugespitzte als Unfähigkeit belächelt, den bedingten und vermittelten Charakter jeder Position einzusehen.“. Vielleicht trägt nun die aktuelle globale Finanzkrise dazu bei, dass sich dieser bedauernswerte Zustand der Kulturdiskussion ändert.

 

Pynchon übt also scharfe Kritik am Raubtiercharakter des Kapitalismus, dem er die Sehnsucht nach einer vollkommenen Gesellschaft gegenüberstellt. Durch das ganze Buch zieht sich die Suche nach der geheimnisvollen Unter-Wüstenstadt Shambhala, einem sagenumwobenen Ort, der erstmals in der frühen Hindu- und Buddhismus-Literatur genannt ist. Shambhala ist für einige tibetischen Meister ein Reines Land zur spirituellen Vervollkommnung. Am nahesten kommen ihr Kit Traverse auf seiner Flucht vor Scarsdale Vibe und die Luftschiffbesatzung der Inconvenience, die Freunde der Fährnis. Die genau beschriebene Reise hat sie bis zur asiatischen Wüste Taklamakan geführt. Aber Thomas Pynchon ist kein Narr: es ist die Sehnsucht nach dem Glück, die uns treibt, nach der utopischen, idealtypischen Zielvorstellung, der Richtung, in die es gehen soll, nicht die Aussicht, diesen Ort einmal wirklich gefunden zu haben. Auch die archäologische Bemühung von Wren Provenance, einer Geliebten von Frank Traverse, in Mexiko Aztlán, der Legende nach die ursprüngliche Heimat der Azteken, zu finden, ist als solche Metapher zu verstehen, wobei der Leser Pynchon dankbar ist, dass er dazu weder das christliche Paradies noch die klassenlose Gesellschaft des Marxismus bemüht.

 

Die Suche nach diesen geheimnisvollen Orten weist auf eine archaische Ebene des Romans hin: auf das Geheimnis schlechthin und auf die dem Menschen angeborene Neugierde. Geniale Mathematiker und Erfinder bevölkern Pynchons Universum. Die Darstellung des faustischen Strebens nach Erkenntnis, des Begreifens der vierten Dimension, der Zeit, findet in einer Mischung aus Auseinandersetzung mit höherer Mathematik und physikalischen Erkenntnissen einerseits und Elementen aus der Science-Fiction-Literatur andererseits statt. Das ist auch für gebildete Leser eine Herausforderung, denn die Riemannsche Zeta-Funktion und die Riemannsche Vermutung zu verstehen gehört ja nicht zum Alltagswissen. Dies wird durchaus intensiv behandelt und man erfährt en passant viel über die Geschichte des mathematischen Denkens des 19.Jahrhunderts am Beispiel der Göttinger Schule um David Hilbert, wozu Thomas Pynchon auch vor Ort in Deutschland recherchiert hatte. Doch muss das nicht schrecken: dem einen ist schon das Distributivgesetz in algebraischen Körpern ein Unbegreifliches, den anderen erst die Lösung des Riemann-Problems. Irgendwann kommt aber jeder Mensch durch sein ihn nun einmal beschränkenden, angeborenes Instrument der Kausalität an seine Grenzen. Dann findet er weder beweisbare noch widerlegbare Aussagen (Gödel), womit wir bei dem Unbegreiflichen sind. Pynchon lässt die geniale Mathematikerin Yashmeen, spätere Geliebte von Reef Traverse, die Faszination an dieser Auseinandersetzung so formulieren: „Früher einmal hielt ich die Mathematik für den Weg …, durch dessen Studium man vielleicht lernen könnte, über die schwierige gegebene Welt hinauszukommen.“

 

Am schöpferischsten wird Pynchon dort, wo er sich befreit von der scheinbaren Rationalität des Alltags. Wir werden mit Zeitreisenden und Untoten konfrontiert. Die schrecklichen Ereignisse des 1. Weltkrieges sind im Vorhinein spürbar und vorhergesagt. Die Welt entpuppt sich als viel komplexer, wie wir sie gemeinhin begreifen, da wir gewöhnlich auf unsere drei Dimensionen beschränkt sind. In Gegen der Tag zerreist dieser Schleier und die Wahrnehmung wird erweitert. Es können sich Menschen zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten aufhalten, zuweilen kann jemand durch eine Mauer gehen, es kann in die Zukunft gesehen werden, geheimnisvolle Dinge eben. „Vielleicht ist dies nicht die Welt, aber mit ein, zwei kleinen Änderungen könnte es sie sein.“, wie Thomas Pynchon es selber formuliert.

 

Und diese Welt wird uns präsentiert in 1600 Seiten atemloser Handlung, flüssiger Dialoge und einem Tempo, dass den Leser kreuz und quer über den Erdball treibt. Dabei hat Pynchon, wie zahlreiche zeitgenössische amerikanische Schriftsteller (wie u.a. Kurt Vonnegut, z.B. Katzenwiege, Schlachthof 5) keine Berührungsängste mit der Trivialliteratur: Im Gegenteil. Ganz uneuropäisch spielt er mit verschiedenen Genres, wie der Westernliteratur, dem Abenteuerroman und dem Science-Fiction. Im Stil der Groschenromänchen Ende des 19.Jahrhunderts verweist er des Öfteren auf nicht-existente Vorgänger-Heftchen, mit solch wohlklingenden Titeln wie: Freunde der Fährnis an den Enden der Erde, oder Die Freunde der Fährnis und die Suche nach Atlantis oder „Die Freunde der Fährnis in Mexiko“. Pynchon verwebt kunstvoll Fiktion und Wirklichkeit. Wenn zum Beispiel der durchaus reale Detektiv Lew Basnight für eine Erkundungsfahrt die Dienste des Luftschiffes Inconvenience in Anspruch nimmt, erntet er großes Erstaunen, als er gesteht, die Besatzung nicht zu kennen: „Aber jeder Junge kennt die Freunde der Fährnis“, erklärte Lindsay Noseworth perplex. „Was haben Sie denn in Ihrer Jugend gelesen?“ Die Helden einer Heftchen-Serie greifen also ins reale Weltgeschehen mit äußerst irrealen Handlungen und Geschichten ein, wo es durchaus einmal vorkommen kann, durch das Innere der Erde zu fliegen:

 

„Was eine ausführliche Schilderung ihrer darauffolgenden, nur um Haaresbreite geglückten Flucht vor den zunehmend abseitigeren Aufmerksamkeiten der Legionen der Gnome, den gewissenlosen Machenschaften eines bestimmten internationalen Bergbaukartells, der am Hofe von Chthonica, Fürstin von Plutonia, herrschenden, sinnlichen Verderbtheit und der fast unwiderstehlichen Faszination anlangt, welche diese unterirdische Monarchin am Ende circegleich auf die Mannschaft der Inconvenience (und, wie wir gesehen haben, auf Miles) ausübte, sei der Leser auf Die Freunde der Fährnis im Inneren der Erde verwiesen – aus irgendeinem Grunde eines der wenig zugkräftigen Bücher der Serie, sind doch sogar noch aus so weit entfernten Orten wie Tunbridge Wells, England, Briefe eingegangen, in denen ein oftmals recht heftiger Unmut über mein harmloses kleines intraterrestrisches Scherzo zum Ausdruck kam.“

 

Aus diesem Zitat wird nicht nur deutlich, wie sich Pynchon über die Trivialliteratur lustig macht, er baut sogar dort noch das miese Kapital, das internationale Baukartell ein, um sich zuletzt in weiser Voraussicht über die Kritiker an seinem Buch zu amüsieren. Und wenn „vom teuflisch schlauen orientalischen Verstand“ die Rede ist, dann hat man Pynchon nicht etwa bei einer politisch unkorrekten Formulierung erwischt, sondern assoziiert etwa Inhalte alter,vergilbter Abenteuerromane oder Figuren wie Dr.Fu Man Chu. Pynchon verarbeitet.

 

Die Arbeit mit Trivialliteratur: das kann natürlich keinen Nobelpreis bekommen. Außerdem: Bei uns Europäern muss in der Elite-Literatur Leid her, existenzielles Grübeln und Scheitern, sonst keinen Preis. Zwar ist auch Pynchon kein strahlender Optimist und die Welt ist in üblen Händen, doch gibt es auf über anderthalbtausend Seiten keine Krankheiten und keine hässlichen Menschen. Die Männer sind viril, sexuell ohne Neurosen aktiv, ob homo oder heterosexuell macht keinen Unterschied; die Frauen stets begehrenswert, Tänzerinnen, Prostituierte oder sonst aus irgendwelchen Gründen frei von jeder Scham und den Männern absolut gleichberechtigt, vor allem durch ihre unwiderstehliche Anziehungskraft, meist durchaus auch dem eigenen Geschlecht zugewandt. Und es gibt zahlreiche, wunderbar humorvolle Stellen wie etwa die, an der der Übersetzer Nikolaus Stingl bei seiner Arbeit laut lachen musste. Als nämlich ein Hellseher seine übersinnliche Fähigkeit nicht der Betrachtung des Kaffeesatzes sondern dem Blick in die Kloschüssel verdankt. Sehr beeindruckend ist auch die Reaktion der Tierwelt auf Naturkatastrophen. Denn als Folge der Explosion von Tunguska kommen sibirische Wölfe „mitten im Gottesdienst in die Kirche, zitierten in fließenden Altslawonisch Stellen aus der Heiligen Schrift und gingen friedlich wieder hinaus. Berichten zufolge hatte es ihnen besonders Matthäus 7:15 angetan: „Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe“.

 

Beißende Geheimdienstler, blut-saugende Riesenflöhe unter dem Wüstensand, rektales Vergnügen bei der Behandlung von Verstopfungen: die Innbilder menschlicher Vorstellungskraft muss ja nicht immer das Grauen hervorbringen.

 

Eine Würdigung eines so dichten Werkes ist immer auch eine subjektive Selektion. Jeder hört die Akkorde, die Pynchon speziell bei ihm zum Klingen bringt. Gegen den Tag ist so vielfältig, dass es bei den unterschiedlichen Lesern auch sicherlich die verschiedensten Melodien erzeugt. Vielleicht ist für viele der Hauptgenuss die unerhört sinnliche Sprache, die es vermag, jede Situation mit den subtilsten Empfindungen des jeweiligen Protagonisten zu beschreiben. Nicht zuletzt sprachlich ist Gegen den Tag ein wunderbares Erlebnis.

 

 

[Nützliche Rezensionen zu „Gegen den Tag“ sind u.a. von Heinz Ickstadt , von Dietmar Dath und von Sascha Pöhlmann ]