Natürliche Mängel

„Natürliche Mängel“ von Thomas Pynchon

Eine Rezension von Michael Pfister

Das Problem der kommerziellen Buchkritik ist es, schnell auf Neuerscheinungen reagieren zu müssen, und so bekommen die Wortfriseure der Feuilletons den Auftrag, ihre Besprechungen innerhalb der nächsten Tage abzuliefern.

Bei 90 Prozent der zu lesenden Literatur funktioniert das. Relativ anspruchslos geht der zu besprechende Text dahin und die sowieso nicht übermäßig gut besoldeten professionellen Leser jungfräulicher Texte basteln dann eine geschmeidige Dutzendrezension daraus, gut bestückt mit ihren Worthülsen aus dem ihnen eigenen Imponierphrasen-Arsenal.

Bei den Romanen von Thomas Pynchon funktioniert das nicht. Sie zu lesen braucht Zeit, höchste Konzentration und vielleicht sogar nebenbei gemachte Notizen und kleine Recherchen. Also werden uns in den ersten Buchrezensionen oftmals klägliche Besprechungen geliefert, die zu allem Unglück besseren den Weg versperren, weil die Feuilletons die Neuerscheinungen nicht zweimal hintereinander besprechen lassen wollen. Pynchon kann man aber nicht schnell mal quer lesen, dann erfassen, um was es ihm ankommt und es auf den Punkt bringen. Stattdessen wird ein bisschen aus der Handlung zitiert, mit Namen der dort verwickelten Protagonisten gewürzt, um einen Lesenachweis zu liefern, und dann ein beliebiger wohlklingender Schlusssatz angefügt.

Das neuste Buch von Thomas Pynchon „Natürliche Mängel“, ist ein „Krimi“, der im bekifften Kalifornien Anfang der 70 ´er spielt, hauptsächlich in Los Angeles. Nach „Gegen den Tag“ wurde es als Pynchon-light angekündigt, doch als nach den ersten 21 Seiten bereits 16 Personen vorgestellt oder zumindest erwähnt wurden, fühlt sich der Pynchon-Fan gleich wieder zu Hause und ist auf der Hut, denn er weiß, dass er von diesen Namen keinen vergessen darf, denn sie alle werden wieder vorkommen und eine ganz bestimmte Bedeutung haben.

Hauptperson in „Natürliche Mängel“, im Unterschied zu „Gegen den Tag“ aus einer einzigen Erzählerperspektive und einem chronologischen Erzählstrang komponiert, was die Lesbarkeit erleichtert, ist  Larry „Doc“ Sportello: ein Hippie-Marlowe, der mit seinem literarischen Kollegen einen illusionslosen Humanismus teilt, eine Schwäche für die Schwächeren, einen scharfen Blick für die Geldgier der Mächtigen und die Umtriebe der diese schützenden Staatsbetriebe.

Aber im Unterschied zu Chandlers Marlowe ist Doc´s Wahrnehmung häufig getrübt, aber na gut: auf seinem Firmenschild steht ja auch „LSD Ermittlungen“ ( LSD natürlich für Lokalisierung, Sicherheitschecks, Detektei).

Seine Ex-Freundin, die schöne Shasta, bittet ihn um Hilfe, denn ihr aktueller Liebhaber, der schwerreiche Immobilien-Tycoon Michael Wolfmann, ist verschwunden. Wahrscheinlich wurde er entführt.

Nun gibt es reichlich Handlung, die dem Leser diese drogenschwangere Zeit an der Westküste auf ziemlich lustige, musikalische und lockere Weise näherbringt, und Sportello löst den Fall, wobei Detective Lieutenant Bigfoot Bjornsen, ein schräger Polizeibeamter aus dem LAPD, ihn einerseits benutzt, andererseits auch unterstützt.

Es stellt sich allmählich heraus, dass der Auslöser der ganzen nun folgenden Verwicklungen eine Entscheidung des Millionärs Wolfmann ist, die einfach im herrschenden System so nicht hingenommen werden kann, die auch vielen eine Menge Geld kosten würde, u.a. der eigenen Ehefrau: Wolfmann beabsichtigt nämlich, sein Geld herzuschenken, aus der kapitalistischen Logik auszuscheren, sich für seine im Namen der Geldgier begangenen Untaten zu entschuldigen und Wiedergutmachung durch soziale Taten folgen zu lassen.

Da werden nicht nur die Federals aktiv, um die Welt wieder in Ordnung zu bringen, da kommen diverse Aasgeier ins Spiel, die dafür sorgen, dass das alte Gefüge des Lugs und Trugs, des gemeinen Betrugs, der Drogengeschäfte und der Geldverteilung in den oberen Rängen der Gesellschaft wieder reibungslos funktionieren. Eine Gehirnwäsche in einer Edelpsychiatrie bringt dann die Sache wohl wieder ins Reine.

Doc, den Genüssen des Lebens nicht abgeneigt, der bei den vielen schönen Frauen durch den Ständer in der Hose oft abgelenkt wird, der immer nach einem Joint sucht und dessen oft benebelte Welt ihn nicht davon ablenkt, die verwirrenden Zusammenhänge zu durchschauen, ist hierzu ein Gegenentwurf. Er ist nicht materiell orientiert und so ist es auch bezeichnend, dass sein Lieblingsschauspieler John Garfield sich in den 40er Jahren sozial und politisch engagierte, und in die Fahndung der McCarthy-Kommission geriet, die ihm vorwarf, ein Sympathisant und Parteimitglied der Kommunistischen Partei zu sein.

Doc vögelt gerne, hat immer einen launigen Spruch auf den Lippen und kann, wenn es darauf ankommt, auch von der harte Sorte sein.

Aber was er wirklich denkt, und das ist der Kern des Romans, teilt er einem Gesprächspartner aus der Upper-Class mit:

„Aber sehen Sie, jedes Mal, wenn einer von euch so gierig wird, steigt das Level von schlechtem Karma um einen kleinen Zweihundert-Dollar-Grad an. Nach einer Weileläppert sich das zusammen. Seit Jahren steigert sich nun vor aller Augen dieser ganze Klassenhass. Was glauben Sie, wo das hinführt?“

Schon bei „Gegen den Tag“ hat die bürgerliche Rezeption ignoriert, dass das schärfste Anliegen von Thomas Pynchon seine Gesellschaftskritik am kapitalistischen System schlechthin ist. Nur will er sich dadurch nicht die Laune verderben. Bei „Natürlich Mängel“ wird das in den Feuilletons wundersamer Weise ebenfalls meist unterschlagen.

War allerdings „Gegen den Tag“ ein Meisterwerk, ist nun „Natürliche Mängel“ eher ein Spaß: Pynchon ist auch noch mit 73 ein vitaler Schriftsteller, der ohne verkrampfte Starallüren auskommt und sich eine kritische Haltung gegenüber dem Establishment bewahrt hat.

siehe auch die Besprechung von John Doe:    http://www.tcboyle.de/wordpress/?p=1074