Roberto Bolaño

2666

<Rezension noch in Arbeit, Stand 4.9.2010>

Neben Pynchons „Gegen den Tag“ ist auch „2666“ von Bolaño ein Roman der Sorte, von dem die Leserschaft Auskunft darüber erwartet, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

 

Der Roman besteht aus 5 Teilen, die jeweils für sich als abgeschlossene Romane gelesen werden können: Der Teil der Kritiker (188 Seiten), Der Teil von Amalfitano (79 Seiten), Der Teil von Fate (141 Seiten), Der Teil von den Verbrechen (338 Seiten) und Der Teil von Archimboldi (312 Seiten).

 

Die zwei letzten Teile sind nicht nur vom Umfang her auffällig stärker als die anderen: Der eine beschäftigt sich intensiv mit den Frauenmorden in Nord-Mexiko, Ciudad Juarez (bei Bolaño Santa Teresa), der andere mit dem fiktiven Schriftsteller Archimboldi.

 

Diese beiden Themen sind es auch, die den Roman zusammenhalten: Der für die Öffentlichkeit nicht fassbare deutsche Schriftsteller Hans Reiter, der sich das Pseudonym Archimboldi zugelegt hat und dessen Bücher ihn zum Anwärter auf den Nobelpreis machen, sowie die ungeklärten Frauenmorde in Mexiko.

 

Diese beiden Themen sind nun wiederum dadurch verbunden, dass ein im Gefängnis von Santa Teresa inhaftierter Hauptverdächtige, Klaus Haas, der Neffe von Hans Reiter alias Archimboldi ist.

 

Von den drei ersten Büchern behandelt Der Teil der Kritiker den Literaturbetrieb an Hand von vier Archimboldi-Spezialisten, die sich auf Archimboldi-Seminaren und Kongressen in ganz Europa kennen gelernt und sich nun auf die Suche nach dem öffentlichkeitsscheuen Achimboldi gemacht haben, was sie schlussendlich erfolglos nach Mexiko führt. Hier werden bereits die Frauenmorde in Santa Teresa erwähnt.

 

Der Teil von Amalfitano handelt von einem chilenischen Philosophie-Professor, der Archimboldi übersetzt hat und in Santa Teresa allmählich angesichts der Merkwürdigkeiten der Stadt und ihrer Gewalttaten verrückt zu werden scheint. Er bangt um das Leben seiner Tochter Rosa.

 

Der Teil von Fate erzählt von einem farbigen US-Journalisten, der nach Mexiko geschickt wird, um über einen Boxkampf zu berichten, dann aber zu den Frauenmorden recherchiert und dabei in gefährliche Nähe von Verbrechern gerät, die wohl damit in Zusammenhang stehen. Er flieht mit der gefährdeten Rosa Amalfitano über die Grenze nach Nordamerika.

 

Während bei Thomas Pynchon das Geheimnisvolle schlechthin ein starkes Thema ist, also in all seinen Verzweigungen und in all seinen Erzählsträngen (ob die Mathematik betreffend, ob in der Auseinandersetzung mit H. P. Lovecraft, ob bezüglich rätselhafter Erfindungen etc.) vorkommt, sind bei Bolaño das Gravitationszentrum des Unfassbaren die Frauenmorde in Nordmexiko. Das zweite Rätsel, der nicht greifbare Schriftsteller Hans Reiter alias Benno von Archimboldi, wird uns mehr oder weniger im letzten Teil, dem Teil von Archimboldi, gelöst.

 

Kehlmann geht in seiner Rezension in der FAZ so weit, hier metaphorisch das Zentrum des Weltbösen dargestellt zu sehen. Andreas Breitenstein von der NZZ spricht vielleicht zutreffender von Santa Teresa, der Stadt der „Maquiladoras“ 1,  als einer „Wunde der Globalisierung“.

 

Zumindest ist es aber ein alptraumhaftes Abbild der verkommenen Zustände der mexikanischen Gesellschaft, eine mächtige Anklage gegen deren korruptes, frauenfeindliches, menschenverachtende System, dessen Durchdringung mit kriminellen Mächten so fortgeschritten ist, dass man keinerlei Aufklärung erwarten darf.

 

Diese Anklage geschieht im Übrigen im Teil von den Verbrechen literarisch höchst interessant. Bolaño macht daraus nämlich keine fabulierende Erzählung, sondern durchbricht den Erzählrhythmus, indem er über mehr als hundert Seiten mehr als hundert Frauenmorde in monotoner Sachlichkeit abhandelt, so dass der Leser erleben muss, wie er selbst angesichts der unfassbaren Anzahl gleichgearteter Serienmorde abstumpft. Die Mordopfer sind hier keine Individuen, aber auch keine Statthalter. Sie sind dokumentierte Todesfälle aus dem Polizeiprotokoll. Damit konterkariert Bolaño den Detektivroman: er erliegt nicht der Versuchung, zu den Verbrechen einen geschmeidigen Kriminalroman zu erfinden. Er bricht mit diesem dokumentarischen Stil sowohl mit den „normalen“ Leseerwartungen als auch mit traditioneller Erzählkunst. Die ermordeten Frauen werden zum menschlichen  Abfall serieller Produktion.

 

Wenn mancher Leser(in)  über den Anfang Des Teils der Kritiker nicht hinauszukommen meint, empfehle ich ihm(ihr), mit dem letzten, also Dem Teil von Archimboldi zu beginnen. Er (Sie) könnte sonst die höchst unterhaltsame Biographie des Schriftstellers Benno von Archimboldi verpassen, dessen Leben ja um ein Haar im „Haus der verschwundenen Schriftsteller“ zu Ende gegangen wäre, einer vermeintlichen Zufluchtsstätte für Literaten, das sich im Nachhinein als Irrenhaus entpuppt: Bolaños Einschätzung dessen, was die Gesellschaft von der Zunft seinesgleichen hält.

Michael Pfister

P.S.

Eine ausgezeichnete Rezension zu „2666“ von Thomas Hummitzsch ist hier zu lesen -> http://www.glanzundelend.de/Artikel/bolanoswelt.htm

1 Als Maquila oder Maquiladora werden Montagebetriebe im Norden Mexikos und in Mittelamerika bezeichnet, die importierte Einzelteile oder Halbfertigware zu Dreiviertel- oder Fertigware für den Export zusammensetzen. Sie sind das Ziel zahlreicher Migranten und ein stark wachsender Wirtschaftszweig in Niedriglohn-Gebieten.“ Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Maquila