Heinz Vegh

 

<Januar 2010>

 

Rezension zu „Shopping Town 66“ von Heinz Vegh

Es ist im deutschen Sprachraum der letzten 20 Jahre wohl keine bissigere Satire auf den Konsumkapitalismus geschrieben worden.

 

Dreh und Angelpunkt ist denn auch eines der vielen Einkaufszentren, die man auf die grüne Wiese stellte, um das große Geld zu machen: Ein trostloser Betonklotz, in dem es alles zu kaufen gibt, was den verdummten Menschen den Rest von Lebenssinn ersetzen soll.

 

Jedermann hat zwei Leben, sagt uns Vegh: Das tatsächlich gelebte und das verkannte. Das verbindet drei Paare, deren Ausbruch aus dem geläufigen Trott seinen gemeinsamen, scheinbar zufälligen Ausgangspunkt im TRADE CENTER findet, auf der Suche nach dem verkannten Leben.

 

Da ist Edith, die geniale Suppenköchin mit dem Dragonerpferdearsch, und ihr Mann Martin, dem ebenfalls genialen Erfinder des alle klerikalen Bedürfnisse abdeckenden Messkoffers, eines Megasellers mit Monstranzen, Gebetbüchern, Weihrauchpulver und Messgewändern, mit enormen Verkaufszahlen, die die leeren vatikanischen Kassen auffüllen.

 

Er will ebenso aussteigen wie das Friseusen-Lehrling-Mädchen Polly und der Textilverkäufer Robert, und wie auch der burgenländische Würstchen-Imbiss Gewerbetreibende Haberleitner, der mit einem zufällig gefundenen Geldkoffer, Beute aus einem Bankraub, eine internationale Würstchen-Imbisskette gründen will und ab sofort sein bisheriges Leben hinter sich lässt.

 

In stets abwechselnd zu Wort kommenden Handlungssträngen, die Veghs Herkunft als Drehbuchschreiber und seine Affinität zum Film zeigen, beginnt nun ein abenteuerliches Roadmovie, bei dem ein Einfall den anderen jagt, und der Leser mit irrwitzigen Sprachkaskaden durch das Geschehen gehetzt wird.

 

In einer aus den Fugen geratenen Welt, in der sich die apokalyptische Verblödung durchgesetzt hat, trifft Haberleitner in Jamaika auf den dort versteckten burgenländischen Massenmörder Alois Brunner, der sich trotz seines Alters als mächtiger kapitalistischer Fadenzieher entpuppt. Ein exzellenter burgenländischer Rotwein  ist nicht nur des Naziverbrechers Lieblingsgetränk, es taucht immer wieder als verbindendes Glied letzten Genusses auf.

 

Wie ein Comic rast das Geschehen nun dahin; die schnellen Wechsel der verschiedenen Abenteuer der Paare werden spielerisch durch Cliffhanger atemlos gehalten, der Stil in bissiger Tradition eines Thomas Bernhard.

 

Als aktuell literarische Antwort auf den dekadenten Zeitgeist haben die Amerikaner in erster Linie Bret Easton Ellis hervorgebracht. Im Deutschsprachigen antwortet jetzt Heinz Vegh. In einer humorvollen und aberwitzigen Variante.