Georg Klein

Stand: 21.08.2010

Roman unserer Kindheit   von Georg Klein

 

Georg Kleins “Roman unserer Kindheit” ist eine wunderbare Schilderung der Erinnerungen an den Sommer 1961, als der Schriftsteller 10 Jahre alt war.

 

Eine Kinderbande, der Ältere Bruder, die Witzigen Zwillinge, die Schicke Sybille, der Ami-Michi, Wolfskopf und der Schniefer, erkunden während ihrer Sommerferien einen alten, stillgelegten, unheimlichen Brauereikeller, dessen weitverzweigte unterirdische Anlage, im 2.Weltkrieg sogar von der Wehrmacht verwendet, ein bedrohliches Geheimnis in sich birgt.

 

Wer nun meint, ein Kinderbuch vor sich zu haben, irrt sich sehr.

 

Georg Klein lässt nämlich in seinem autobiografischen Roman die damalige Zeit in einer besonderen Weise, welche das Buch zu einem literarischen Meisterwerk macht, wieder lebendig werden.

 

Zum einen erinnern wir uns mit ihm, und das ist das eher Erwartbare gewesen, an vielleicht schon vergessene Alltäglichkeiten:

 

An die kleinen, heute längst vergessenen Läden, in denen man Western, Krimis und Landserheftchen ausleihen konnte. Die Ladenbetreiber waren übrigens noch persönlich anwesend und so versorgte man sich statt bei Filialisten bei Tabak-Geistmann, Elektro-Lutscher und Lebensmittel-Vetterle und Fernseh-Apparate waren wie Telefone selten und exotisch.

 

Und auch die Neue Siedlung am Drosselgrund, deren Bewohner uns nach und nach näher gebracht werden, ist uns nicht unbekannt: die Nachkriegsbauten, um der Wohnungsnot Herr zu werden, um Ersatz für die zerbombten Behausungen der deutschen Bevölkerung zu schaffen, sie wuchsen damals in die Höhe.

 

Klein entfaltet die Soziologie der Siedlungsbewohner bis in verspielte Details – die damals verbotenen dänischen Pornohefte, die Geburtstagstorte mit den Pfirsichen aus der Dose – und man lernt die Bewohner und ihre Geheimnisse kennen.

 

Aber das Außerordentliche dieses Romans, das, was seinen besonderen Reiz und seine Klasse ausmacht, ist damit noch nicht wiedergegeben. Denn Klein schreibt nicht über die Zeit, als er ein Kind war, sondern über die Erinnerung der Wahrnehmung dieser Zeit durch das Kind.

 

Die Kriegsversehrten beispielsweise, damals Bestandteil des Alltags, sind für ein Kind nicht bloß beschädigte Menschen gewesen, sondern Zeugen eines geheimnisvollen vergangenen Geschehens, das irgendetwas mit dem Vater, den Landserheftchen, mit Heldentum und Abenteuer, mit Tod und Schrecken zu tun hatte.

 

So wird die erstaunlich spannende, handlungsstarke Schilderung eines Kindersommers nicht bloß die Beschreibung äußerer Vorgänge, sie wird vielmehr durch die Magie der Kinderphantasien aufgeladen und beginnt dadurch zu leuchten. Realität und Unwirkliches fließen ineinander. Der taubstumme Kiki-Mann kündigt die Ermordung eines der Siedlungskinder an, der Mann ohne Gesicht, der blinde Fehlharmoniker und der Kommandant arbeiten an einem geheimen Projekt und ein Ich-Erzähler, dessen Identität erst ganz gegen Ende ersichtlich wird, weiß mehr von allem als alle anderen.

 

Der Roman, den mancher vielleicht fiktiv nennen würde, ist in hohem Masse realistisch: in dem Sinne, dass es Klein gelungen ist, die damalige Erlebniswelt der Kinder wieder gegenwärtig werden zu lassen. Dass der Autor das Genre des Jugendromans (wie etwa Enid Blyton) benutzt, ist ebenso folgerichtig wie die Verwendung der Landserroman-Motive. Beides gehörte nämlich zur Lektüre aufgeweckter Jugendlicher. Seine Bilder, die er entwirft, erinnern an seine Vorgängerromane, aber auch an Jean-Pierre Jeunet´s Filme, die auch ein Gespür für die Erinnerung an Kindheitsphantasien aufweisen.

 

Kleins Sprache kontrastiert dabei wohltuend gegen das immer üblicher werdende literarische Fast-Food-Deutsch und hat eine unerschöpfliche, vielseitige Ausdrucksstärke, die gelegentlich als Manierismus missverstanden wird. Sie kommt aber weder gekünstelt noch schwülstig daher, schlägt einen aber sogleich in Bann.