Zu Philipp Blom „Böse Philosophen“

Erschütternd ist nicht, dass wir keine Ideen hätten, einen positiven gesellschaftlichen Wandel zu bewirken, erschütternd ist vielmehr, dass bereits vor 250 Jahren all diese Ideen formuliert wurden und sich bis heute wegen des Widerstandes der Kirchen und der Gier des Kapitals nicht durchsetzen konnten.

 

Dies uns zu verdeutlichen ist das Verdienst von Philipp Blom, der in seinem Buch „Böse Philosophen“ die Lebenssituation und die Denkrichtung der radikalen Aufklärer rund um Baron d´Holbach und Denis Diderot untersucht.

 

Hier erfährt man u.a., dass in Holbachs Salon die Evolutionlehre Darwins bereits im Keim diskutiert wurde. Der Biologe Buffon argumentierte schon um 1750 zutreffend gegen die biblische Darstellung vom göttlichen Schöpfungsakt der Erschaffung des Menschen nach Gottes Bild,  dass der Mensch vielmehr ein Tier unter vielen sei und dass sich die Tiere in Abhängigkeit der Umwelt verändern. Demgegenüber müssen wir uns noch heutzutage mit dem Unsinn der Auffassung vom „Intelligenten Design“ herumschlagen und damit unsere kostbare Zeit vergeuden.

 

Wohlbegründet wurde auch in der Holbach´schen Runde, um nur ein weiteres von vielen Beispielen hervorzuheben, die Todesstrafe in ihrer Unmenschlichkeit und Unwirksamkeit rational mit Argumenten kritisiert, die noch heute viele Staaten nicht begriffen haben.

 

Diderot, Holbach und seine Mitstreiter entlarvten die Machenschaften der Kirche und die gesellschaftlich schadensbringende Funktion der Religion fundamental, so dass sie damit wohl wesentlichen Einfluss auf Ludwig Feuerbachs Religionskritik ausübten. Es überrascht nicht, dass bis heute diesbezügliche Pioniere wie der französische katholische Priester

Jean Meslier († 1729 in Étrépigny) und Holbach selber nahezu unbekannt sind, wohingegen Philosophen, die man gemeinhin mit dem Stichwort „Aufklärung“ assoziiert, nämlich Rousseau und Voltaire, keineswegs essentielle Religionskritiker waren.

 

Ebenso wie, auch dies führt Blom  schlüssig aus, bei Immanuel Kant, waren ihre Aussagen durchaus von Christen zu übernehmen, ohne dabei „die eigenen religiösen Vorstellungen aufs Spiel zu setzen“(Blom).

 

Ist diese Kritik bei Kant noch peripher, trifft sie bei Rousseau ins Mark. Denn dieser erweist sich als ebenso gottgläubig, ebenso sexualfeindlich und ebenso frauenfeindlich wie seine christlichen Zeitgenossen, wie wohl sein Einfluss auf spätere Generationen ein viel größerer war,  wie der der radikalen Aufklärer.

 

Aber es ist gerade diese Konsequenzlosigkeit, die Voltaire und Rousseau so beliebt werden ließ: „Écrasez l’Infâme“ rief Voltaire der damaligen Kirche entgegen, lies sich aber eine eigene Kapelle errichten und verachtete jeglichen Atheismus.

 

Mehr Historiker als Philosoph ist Philipp Blom ein flüssig zu lesendes, spannendes Buch gelungen, welches eine neue Sichtweise auf die Philosophen der Aufklärung werfen lässt: man erfährt viel über Freundschaften und Intrigen und die philosophische Kraft der Denker des Kreises um Baron ´d Holbach und Diderot.

 

Und man erkennt vor allem nach der Lektüre eines:

 

Vielen Auffassungen der „modernen“ Welt sieht man die christlichen Wurzeln nicht mehr auf den ersten Blick an. Das betrifft zum Beispiel die immer wieder heraufbeschworenen Weltuntergangsszenarien wie Klimakatastrophe, Pandemieängste etc., hinter denen sich die christlich apokalyptische Sehnsucht verbirgt, ebenso, wie  etwa die Verherrlichung des Leidens bei den Kunstschaffenden in Literatur, Malerei etc., hinter der sich die christliche Leidensfreude versteckt. Auch die verbreitete Ablehnung des Körperlichen, die Sexualfeindlichkeit und die Geringschätzung der Frauen speisen ihre  Kraft aus den monotheistischen Religionen.

 

Dies alles war den „Bösen Philosophen“ bereits sonnenklar. Warum braucht es nur so lange, mag man da seufzen, dass das Licht der Vernunft die religiöse Vernebelung durchdringt?

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